Der alte Lehrer war verstimmt, daß dieser erste Schultag so laut und zerfahren begann. Er sah wohl das leise Lachen in den Augen des andern. Wehmütig überschaute er seine Schar, und Mädel und Buben spürten es, ihr guter, alter Freund war unzufrieden. Da nahmen sie sich zusammen; ganz still und feierlich saßen sie da, und so begann der Unterricht. Es ging nun alles glatt und gut, die Kinder wußten viel, wenn auch nicht alles. Manch einem wollte und wollte die Antwort nicht zum Munde heraus, was natürlich von der Antwort schnöde Bosheit war. Mitunter klang auch wohl die Antwort so verkehrt, als wäre sie vom Monde herabgefallen. So kam der Stille Ozean auf einmal in die Nähe von Berlin, und die Donau bezeigte die allergrößte Lust, vom Gotthard herunter zu rinnen. Die Hohenstaufen sollten durchaus Berge sein, und Kaiser Friedrich Barbarossa saß auf einmal mitten im Siebenjährigen Kriege drin, und niemand wußte, wie er hineingekommen war.
Sonst ging es aber ganz gut, Vater Hiller war leidlich zufrieden, und die Kinder waren es ungemein, und weil der neue Lehrer lächelte, meinten sie alle: »Der findet’s fein bei uns.«
Frau Besenmüller klingelte draußen, grell und laut fuhr der Ton durch das weite Haus.
Der alte Lehrer erschrak. Das hörte er nun zum letztenmal. Morgen war Sonntag, und am Montag in aller Morgenfrühe wollte er abreisen. Wenn die Klingel wieder ertönte, dann trug ihn der Zug schon von Steinach fort. Er stand ein wenig geneigt, weil ihn das Alter müde gemacht hatte, vor den Kindern, zu ihnen sprechen wollte er, gütige Worte sagen, aber die Stimme versagte ihm.
»Liebe Kinder!« setzte er an, und dann noch einmal: »Liebe, liebe Kinder!«
Da war es Hinzpeters Malchen, als müsse ihr das kleine, zärtliche Herz brechen vor Kummer, sie schluchzte laut auf und rief flehend: »Ach, bleiben Sie doch bei uns, lieber Vater Hiller!«
»Ach bitte, bitte, ja, Vater Hiller!« tönten alle andern Stimmen nach. Sonst hatten die Kinder »Herr Lehrer« gesagt, in der Abschiedsstunde kam ihnen das trauliche »Vater« auf die Lippen. Und wie einen gütigen Vater umdrängten sie jäh den alten Mann. Sie sprangen über Tische und Bänke hinweg, krochen unten durch, um nur ja schnell des alten Freundes Hand fassen zu können.
Die Mädel heulten, die Buben schnitten so widerborstige Gesichter, als wäre ihnen ein bitteres Tränklein im Halse stecken geblieben, und immer wieder bettelten sie: »Bleiben Sie doch da, Vater Hiller, ach bitte, bitte!«
»Ich reise ja erst übermorgen, Kinder.« Ein paar helle, glänzende Tropfen rannen dem alten Mann über die Backen. Die Kinder sahen es, aber sie hörten zugleich das verheißungsvolle »Übermorgen«. Da war ja noch viel Zeit, da konnten sie Vater Hiller noch oft besuchen, konnten ihn sehen, wenn er durch das Dorf ging. Sie konnten ihn auch zur Bahn bringen. Das sagten sie gleich laut: »Wir gehn mit auf ’n Bahnhof, alle!«
»Dann müßt ihr aber alle früh aufstehen.«