Es war ein langer Zug, der sich durch die Apfelstraße hin nach dem Bahnhof bewegte. Auch viele Erwachsene kamen mit. Jedes trug einen Korb oder ein Päckchen, denn auf einmal war es den Steinacher Bäuerinnen schwer auf das Herz gefallen, ihr lieber Vater Hiller könnte gar Hunger leiden in der Fremde, könnte nicht so gute Butter, so frische Eier, so goldgelben Honig und prächtigen Kuchen, so rundliche Würste und köstliche Äpfel haben wie in Steinach. Für alles hatten sie gesorgt. Als der Zug auf dem kleinen Bahnhof einlief und ein bitterschweres Abschiednehmen begann, da füllte sich das Abteil mit Schachteln, Körben und Paketen, und Vater Hiller wehrte erschrocken: »Das kann ich doch nicht alles mitnehmen!«

»Ich helf’ beim Umsteigen!« Der Schaffner lachte über das ganze Gesicht, er war doch ein Steinacher Kind, er war doch auch zu Vater Hiller in die Schule gegangen. Die Kinder jammerten laut, als die Tür geschlossen wurde und der Zug davonfuhr. Ein Weilchen konnten sie noch das freundliche Gesicht ihres alten Lehrers sehen, dann entschwand es ihren Blicken, und traurig zogen alle heimwärts. Die Großen redeten unterwegs von dem Abgereisten; nur Gutes wußten sie alle von ihm zu sagen.

Die Kinder aber tuschelten zusammen von dem neuen Lehrer. Wie würde er sein? Vor der Hagebuttenernte hatte Frau Besenmüller gesagt: »Böse wird’s!« Seit gestern sagte sie: »Gut wird’s!« Was war nun das Rechte?

»Simeliert nich so lange, geht nein!« riet Frau Hinzpeter, Malchens Mutter, den Kindern vor dem Schulhause. Und wie sie schien innen auch Frau Besenmüller zu denken; die klingelte laut, arg laut, dachten die Kinder. Ein wenig seufzend zogen sie in das Schulhaus hinein, sie meinten, Abreisetag könnte gut Ferientag sein, aber die Erwachsenen waren alle miteinander anders gesonnen. Am wenigsten dachte Heinrich Fries an Ferien, und schon an diesem ersten Tag spürten es die Kinder, bei ihm mußten sie aufpassen. Ob er bös werden würde oder gut, wußten sie diesen ersten Tag aber noch nicht, und noch viele weitere Tage vergingen, ehe sie es erkannten.

Dem jungen Lehrer Heinrich Fries erging es in den ersten Wochen in Steinach am Wald genau so wie seinen Kindern, er wußte auch nicht, ob er bös werden würde oder gut. Es gefiel ihm manchmal recht gut in der neuen Heimat und manchmal herzlich schlecht. Wenn er die Gegend durchwanderte, zum Walde emporstieg, oder wenn er durch die weiten schönen Räume seines Schulhauses ging und die Sonne zu den Fenstern hineinschien, oh, dann gefiel es ihm. Als aber der November mit Sturm, Regen und kurzen, grauen Tagen anrückte und man auf der Dorfstraße nur die Wahl hatte, in eine Pfütze oder in den Schlamm zu treten, da gefiel es ihm gar nicht. Es war ihm einsam und unbehaglich, er ärgerte sich über Frau Besenmüllers Schelten und fand doch auch, die Kinder brauchten nicht die halbe Dorfstraße mit ihren Schuhen ins Haus zu tragen. Nur an einem Ort im Dorf war es ihm immer gemütlich: im Pfarrhaus.

Das Fräulein Regine sah immer aus, als hätte ihr die liebe Sonne einen Kuß auf den Mund gegeben. Wenn sie lachte, dann war es wie Frühling, und wer ins Pfarrhaus kam, der vergaß schlechtes Wetter, schlechte Laune und alle andern bösen Dinge, dem wurde es warm ums Herz.

Doch Heinrich Fries wohnte im großen Schulhaus, und da war es einsam. Sein Zimmer war kahl und unwohnlich, und Frau Besenmüller ging nicht so sacht und leis einher wie seine Mutter. Sie hatte auch nicht eine so liebe, sanfte Stimme, sondern redete laut, es dröhnte immer durch das ganze Haus. »Wie ein alter Landsknecht schreit sie,« dachte der neue Hausbewohner wohl.

Und am allerwenigsten gefielen die Kinder an solchen Tagen dem jungen Lehrer. Die schienen ihm besonders ungezogen zu sein und gar nicht lernlustig. Er ärgerte sich und redete streng zu ihnen, verlangte, sie sollten allerlei wissen, was sie nicht konnten. Eins um das andere fehlte in dieser Zeit, und wenn er wissen wollte, warum, sagten sie, daheim sei Schlachttag. Da schalt er, dies sei nicht so wichtig, um die Schule zu versäumen. Da kränkten sich die Kinder, denn in Steinach wußte es jeder, ein Schlachtfest ist eine wichtige Sache, eine ungeheuer wichtige sogar.

Schwetzers Fritze dachte das auch, und seine Mutter dachte ebenso, und darum kam Fritze eines Tages nicht in die Schule. Und am nächsten Tage kam er und brachte, wie es Sitte war, dem Herrn Lehrer eine frische Wurst und einen Topf der schönsten Wurstsuppe mit. Seine Mutter schärfte ihm noch ein: »Sag’s ja recht höflich zum neuen Herrn Lehrer!« Sie schmückte ihm auch die Wurst noch mit einem dicken Petersilienbüschel, und darüber verging die Zeit, und da ein Topf mit Wurstsuppe vorsichtig getragen werden muß, kam Fritze am Schulhaus an, als Frau Besenmüller schon dreimal kräftig die Klingel geschwungen hatte.

Auf dem Wege hatte Fritze sich ein gutes Sprüchlein vorgesagt. Immer wieder hatte er sich die Worte überlegt, und er war sicher, diesmal würde er reden können. »Einen schönen Gruß von meiner Mutter, und der Herr Lehrer möchte entschuldigen, bei uns ist Schweineschlachten gewesen,« so wollte er sprechen. Dazu wollte er einen Diener machen, nicht so tief, damit die Suppe nicht überschweppte, und –