»Nä, Fritze, du schleichst ja, kommst nich heute, da kommste morgen. So was!« Frau Besenmüller rief es ihm böse entgegen, und verwirrt betrat er das Schulhaus. »Man schnell, man schnell!« Die Frau riß die Tür auf, und Fritze platzte in das Klassenzimmer, just als sie sich alle nach dem Morgengebet setzten. »So spät?«

Heinrich Fries runzelte die Stirn. Er sah Fritze drohend an. Jedesmal, wenn er den Buben sah, mußte er an den Empfang auf der Apfelstraße denken, und er hielt Fritze für einen besonders Unnützen und einen Heimlichen dazu. »Warum so spät?«

Schwetzers Fritze wurde puterrot, und wie immer in solchen Augenblicken versagte ihm die Stimme. Seine ganze schöne Rede hatte er vergessen, die Worte liefen ihm davon, er konnte sie nicht aufhalten. Nur eines fing er noch, das schrie er hinaus und verneigte sich dazu. »Schweineschlachten« hallte es durch das Zimmer, und klatsch fiel Wurstsuppe und die schön geschmückte Wurst dem Herrn Lehrer vor die Füße.

»Bengel du!« Der junge Lehrer hielt’s für Frechheit, was Ungeschicklichkeit war; er ärgerte sich, statt zu lachen, desto mehr lachten die Kinder, aber sie schwiegen rasch, als Heinrich Fries mit scharfer Stimme Ruhe bot. Er ging zur Türe und rief Frau Besenmüller, und als die Frau eine lange Rede halten wollte ob der vergeudeten guten Suppe, gebot er kurz Ruhe, und ebenso kurz sagte er zu Schwetzers Fritze: »Du bleibst heute und morgen da.«

Nachsitzen hielten die Steinacher Kinder für eine ungeheure Schande. Nur selten hatte Vater Hiller so gestraft, und daß einer zwei Tage nacheinander dableiben mußte, so etwas war noch gar nicht vorgekommen. Sie waren alle fast erstarrt vor Schreck, und weil sie gar so erschrocken waren, gaben sie an diesem Tage unglaublich dumme Antworten. Schwetzers Fritze gab überhaupt keine. Schnapp, war dem der Mund zugeklappt wie ein Schloß, und niemand hatte den Schlüssel, es wieder aufzuschließen.

Wenn er um Verzeihung bittet, erlaß ich ihm die Strafe, dachte der Lehrer, der sich überlegt hatte, Wurst und Suppe seien doch wohl eine gutgemeinte Gabe. Aber Fritze bat nicht. Wie himmelgern er es getan hätte, ahnte Heinrich Fries nicht, der nahm es für Trotz. Und der arme Fritze mußte dableiben und mußte doppelte Last tragen, denn auch daheim bekam er Schelte, aber auch hier tat sich das Schloß vor seinem Munde nicht auf.

Strafe erleiden ist nicht vergnüglich, aber strafen müssen auch nicht. Heinrich Fries war an diesem Tage geradeso niedergeschlagen wie die Buben und Mädel. Er stieg nach Schulschluß mit einem so finsteren Gesicht zu seiner Wohnung empor, daß Frau Besenmüller kein Wort wagte. Nachher sagte sie zu ihrem Manne: »Es wird doch nichts mit dem neuen Herrn Lehrer, nä, nä!«

Heinrich Fries hatte nicht gehört, was Frau Besenmüller sagte, aber als er durch seine kahlen Zimmer schritt und hinaussah, wie der Regen langsam herniederrann, da dachte er auch: »Es wird nichts, hier halte ich es nicht lange aus.« Und weil er Sehnsucht hatte nach eines lieben Menschen Trost, setzte er sich hin und schrieb an seine Mutter einen langen, langen Brief, wie es sei in Steinach am Wald, und daß es gut wäre, sie käme nicht her, lange würde er doch nicht bleiben.

Als Frau Fries den Brief bekam, dachte sie gleich: »Ich muß zu ihm, er braucht mich. Er ist zu einsam am fremden Ort, darum bleibt der ihm fremd.« Und feinhörig, wie Mütter sind, las sie auch aus dem Brief heraus, daß es dem Sohn eigentlich ganz gut in Steinach gefiel. Es ging ihm damit wie mit manchen Menschen, von denen man nicht weiß, daß man sie im Grunde seines Herzens eigentlich recht liebhat, weil man sich über allerlei kleine Fehler an ihnen zuviel ärgert.

Wenn die Mutter Fries einmal etwas für richtig hielt, dann tat sie es auch und wartete nicht lange. Sie schrieb also ihrem Sohn: »Ich komme zu dir, hab’ es mir überlegt. Der Winter ohne dich ist mir zu einsam.«