Oho, die Mutter hält es nicht aus, dachte der Sohn und ahnte nicht, daß die Mutter nur um seinetwillen kam. Er freute sich unbändig über seiner Mutter Sehnsucht; freilich, wenn sie es nicht aushielt, mußte sie kommen. Es war ein so ungemütlicher Tag, wie sie fast nur im November zu finden sind, Regen, Sturm, Schnee, Kälte, alles kam zusammen; gerade da erhielt Heinrich Fries den Brief seiner Mutter. Und an diesem Tage staunten die Kinder, als sie nachmittags in die Schule kamen. Ihr Lehrer schaute drein, als wäre Maientag draußen, oder als hätte er sich von Fräulein Regine im Pfarrhaus mit Gutwetterlaune versorgen lassen. Die Mutter kam, die Mutter kam! Wie ein Lied klang ihm das fort und fort im Herzen.

In Steinach am Wald wußten die Nachbarn schnell, was in des andern Haus vorging. Das war nun einmal so. In welchem Hause große Wäsche, Schweineschlachten oder Kuchenbacken war, wußte jeder im Dorf, und für wen Zimplichs Hulda, die Dorfschneiderin, gerade ein Kleid nähte, wußten auch alle. Und so redeten auch schon am andern Tag die Großen und Kleinen im Dorf: »Die Mutter vom neuen Herrn Lehrer kommt!«

Frau Besenmüller hatte diese Neuigkeit von Haus zu Haus getragen. Mit Sack und Pack wollte sie kommen. Und der Herr Lehrer hatte selbst die große Hinterstube bestimmt, in der sollte seine Mutter wohnen, weil man von da aus den Wald sehen konnte und in den Garten hinein.

»Kurios so was,« meinte Besenmüllern, »mir ist’s alleweil lustiger, auf die Straße zu gucken.« Aber sie scheuerte und putzte in der großen Stube herum, so sehr, als müßte sie noch sauberer als sauber werden. Kein Spinnchen wagte es darin zu bleiben, die holte Frau Besenmüllers Scheuerlappen aus jedem Winkel heraus, und ganz schlimm erging es einer kleinen Maus. Die hatte sich ein Loch genagt und hatte gemeint, die große Stube würde eine gute Winterwohnung werden. Doch hui, da kam Frau Besenmüller. Sie stopfte spitzige, scharfe Glasscherben in das Loch und verkittete und verklebte es, – nun mochte die Maus sehen, wo sie blieb. Vielleicht war es die, die am nächsten Tage in das Schulzimmer gelaufen kam. Sicher wollte sie Frau Besenmüller verklagen, aber weil die Kinder gleich lachend ihren Namen schrieen, erschrak sie und kletterte an Toni Hases Röckchen empor. Nun war Toni zwar kein Hase, wenn sie auch den Namen trug, aber eine Maus, die den Weg zu ihrer Nase nahm, war ihr doch greulich. Sie quietschte, schüttelte sich, schlug um sich, traf ihre Nachbarin, warf die Bücher vom Tisch, und heilloser Wirrwarr entstand.

Um eine Maus! Der junge Lehrer schalt an diesem Tage nicht, obgleich er den Lärm doch recht überflüssig fand. Er fing selbst die Maus und warf sie zum Hause hinaus; ein Tier zu töten tat ihm leid. Die arme hinausgeworfene Maus erlebte an diesem Tage noch allerlei seltsame Abenteuer, bis sie schließlich in die Kirche geriet. Sie wurde nun dort eine arme Kirchenmaus, aber ihr neues Leben gefiel ihr gut, und sie sah sich nie wieder nach einer andern Wohnung um.

Gleich am ersten Sonntag sah die kleine, graue Bewohnerin in der Kirche etwas, das ihr besonders gut gefiel. Da saß eine schlichte ältere Dame vorn auf der ersten Bank, und ein heiteres, frohes Scheinen lag in ihren Augen, als die Orgel erbrauste. Droben spielte ihr Sohn schöne, feierliche Weisen, und in der Kirche reckten und streckten alle die Hälse vor und schauten auf die Fremde. »Die alte Frau Lehrerin ist’s,« sagten sie. Es lag Neugier in den Blicken, aber auch viel herzliche Freude, und Frau Fries spürte mehr die Freude, und wie sie so still in der kleinen alten Kirche saß, dachte sie: »Hier gefällt es mir!«

Am Abend vorher war Frau Fries gekommen. Frau Besenmüller war sehr zufrieden gewesen, daß jemand am Samstag kam, da war doch alles blitzblank geputzt. Nur den Himmel hatte Frau Besenmüller nicht scheuern können, so gern sie dies auch getan hätte. Der hing voller grauer Wolken, und die Steinacher sagten: »Es gibt Schnee.« Es gab aber nur einen Mischmasch von Schnee und Regen, und um die Geschichte noch ungemütlicher zu machen, heulte der Wind wie ein ganzer Chor böser Buben. Wirklich, es war höchst ungemütlich, und als Frau Fries in der Dämmerung auf Bauer Hinzpeters Wagen in das Dorf einfuhr, schauerte sie leicht zusammen; nein, schön war es wohl in Steinach am Wald nicht. Aber schön war die große Freude ihres Sohnes, und die war es auch, die es der Mutter behaglich in dem alten Hause machte.

In der Nacht hatte sich dann das Wetter besonnen, es zeigte ein freundlicheres Gesicht. Der Sturm riß aus, und der Mond kam hervor. Der hielt um die erste Tagesstunde Zwiesprache mit der Sonne, und diese etwas launenhafte Dame erklärte sich bereit zu scheinen, weil doch erster Advent war, und weil doch die alte Frau Lehrerin Steinach im Sonnenglanz sehen wollte. Am nächsten Morgen lag eine zarte weiße Schneedecke über dem Land. Wie versilbert standen die Bäume da, und über alles breitete die Sonne goldenen Schein. Es schimmerte und glänzte schöner als im Juwelenkästlein einer Königin. Als Frau Fries hinaussah, erst hinüber nach den dunklen Waldbergen und dann hinweg über das Dorf, sagte sie heiter: »Hier gefällt es mir!«

Die Steinacher mußten es wohl spüren: »Der Frau gefällt es unter uns.« Sie grüßten sie, und viele reichten ihr die Hand. Sie taten das treuherzig und freundlich, und Frau Hinzpeter sagte: »Es ist eben nich Mode bei uns, fremde tun.«

Daß Fremdtun nicht Mode war, sah Frau Fries auch an den Kindern. Die standen freilich erst scheu zur Seite, aber als sie ein paar kleinen Mädeln die Hand gab, kamen geschwind andere herbei, und immer mehr kleine, braune Hände, auch derbe Jungenpatschen, streckten sich ihr zutraulich entgegen. Sie wollten alle gern der alten Frau Lehrerin guten Tag sagen. Die Sonne strahlte hell, aber noch heller schien ihr Glänzen zu werden, als Pfarrers Regine aus der Kirche trat. Gerade neben dem alten steinernen Schelm von Steinach stand sie, als Frau Fries sie erblickte. Die alte Frau und das junge Mädchen sahen sich an, und beide spürten es gleich: wir werden uns liebhaben. Sie schüttelten sich die Hände wie gute Bekannte, und dann gingen sie ein Stück die Dorfstraße entlang heimwärts, und Frau Fries versprach zum Nachmittagskaffee in das Pfarrhaus zu kommen. Regines Mutter war viel krank; die freue sich schon auf den Besuch, sagte das junge Mädchen, sehr sogar freue sie sich.