Da verging denn dieser erste Sonntag in Steinach am Wald für Frau Fries hell und heiter, und sie nahm es als ein gutes Zeichen für kommende Tage.
Siebentes Kapitel
Schloß Moorheide
Es weihnachtet sehr – Frau Fries ladet zu einer Adventfeier ein, und Frau Besenmüller läßt die Schulglocke stehen – Eine Geschichte wird erzählt, die im Sommer beginnt und in der Adventszeit endet, und die schon hundert Jahre alt ist
Ob es in der zweiten Nacht, die Frau Fries in Steinach zubrachte, der Mond vergaß, mit der Sonne zu reden, ob sie sich stritten, – wer kann es wissen? – jedenfalls blieb die Sonne am nächsten Morgen in ihrer warmen Sonnenstube. Grau hing der Himmel über dem Dorf, und dann begann es zu schneien. Erst sacht und sanft, dann wurden die Flocken größer, sie wirbelten und tanzten in der Luft herum, und ganz Steinach versank allmählich in ein weiches, weißes Schneebett. Es wurde so huschelig, so weihnachtlich, und man hätte das ganze Dorf mit seinen weißbeschneiten Dächern, den hohen Schneewällen ringsum gleich in ein Weihnachtsbilderbuch setzen können, so sah es aus. Durch den Schnee kamen eines Tages ein paar große Wagen gefahren vom Bahnhof her, der Hausrat der alten Frau Lehrerin. Und nun schaffte diese emsig im Haus, Frau Besenmüller half ihr, und selbst der Schuldiener mußte mit eingreifen. Aus dem Pfarrhaus kam Fräulein Regine, und die rief einmal über das andere: »Wie hübsch das ist, wie hübsch!«
Manch Stück aus der Großmutterzeit war unter den Sachen, das paßte gut in die großen Stuben des Schulhauses, viel besser als in die enge, kleine Viertreppenwohnung der grauen Stadt. Mutter und Sohn staunten selbst, wie hübsch es wurde, und als dann die Bücherkisten kamen und Heinrich Fries die lieben gedruckten Freunde wiedersah, da fand auch er es nicht mehr so einsam in Steinach.
Draußen wurde es immer weihnachtlicher. Die Kinder sangen Weihnachtslieder, wo sie gingen und standen, und keiner schalt, wenn die Brummer auch sangen. Hinzpeters Malchen sang manchmal noch im Bett ihre kleinen frohen Lieder. Im Schulhaus hörte die alte Frau Lehrerin das frohe Singen auch, und sie meinte, seit vielen, vielen Jahren sei es ihr noch nicht so weihnachtlich zumute gewesen wie hier in Steinach. Ihr fielen allerlei heitere Dinge ein, die sie einst im Elternhaus unter der Adventskrone getan hatte, und eines Tages wanderte sie selbst in den Wald, holte sich Tannengrün, wand eine Adventskrone, steckte drei Lichter darauf, denn so weit war die Zeit vorgeschritten, und dann lud sie die Schulkinder zu einer Adventsfeier ein.
So etwas hatte es noch nie in Steinach gegeben, und sämtliche Spatzen im lieben deutschen Land zusammen konnten nicht so neugierig sein wie die Steinacher Kinder. Die hatten es an diesem Sonntagnachmittag ungeheuer eilig, in das Schulhaus zu kommen. Eine Stunde früher als angesagt waren sie schon da. Aber Frau Besenmüller war auch da, und die fand gar nicht, daß es nötig sei, nur eine Minute früher zu kommen. »Geht nur wieder,« sagte sie, hartherzig, wie die Kinder meinten, »ich bimmle schon!« Und klapp schloß sie ihnen die Türe vor der Nase zu.
»Frech!« rief Arne.
»Besenmüllern ist komisch!« brummten etliche.