»Huje, da is die Bimmel!«
Zimplichs Max jauchzte es laut. Die andern folgten mit ihren Blicken seinem Zeigefinger, und da sahen sie wirklich alle außen im Türwinkel die große Schulglocke stehen. Frau Besenmüller hatte sie am Morgen in Gedanken außen statt innen in die Ecke gestellt.
Die Schulklingel! Die liebten die Kinder und haßten sie. Wie manchmal, wenn sie ertönte, atmeten besonders die Faulpelze auf, daß endlich die Stunde aus war. Und dann wieder ärgerten sie sich über den hellen Ton, wenn er ihnen mitten in ein lustiges Spiel hineinfuhr. Und nun stand dieses Ding, das eine Stimme hatte und beinahe wie ein lebendiges Wesen war, vor ihnen, von Frau Besenmüller unbeschützt.
»Wir bimmeln,« riefen Arne und Malchen.
»Ach ja, wir bimmeln,« schrieen ein paar andere.
»Nä, wir verstecken sie.« Zimplichs Max und Jackenknöpfle schrieen es, und gleich schrieen die andern: »Wir verstecken sie, fein, hurra!«
Ein paar stürzten auf die Klingel los, und Schmiedemeister Traugotts Hans warnte: »Laßt ’n Klöppel niche los!«
Die Warnung kam zu rechter Zeit, der Klöppel wurde festgehalten, die Schulklingel mußte stumm bleiben. Sie konnte nicht rufen und nicht anklagen, sie mußte es leiden, daß sie von unnützen Buben und kichernden Mädeln in Besenmüllers Holzschuppen getragen wurde. Dort erhielt sie ihren Platz auf einem hochgeschichteten Holzstoß, und da saß sie und mußte schweigend warten, bis Frau Besenmüller Holz holen kam.
Die Kinder zogen wieder vor das Schulhaus zurück, sie freuten sich schon über Frau Besenmüllers Erstaunen, wenn sie die Klingel nicht fand. Sie wollten ihr dann suchen helfen, das gab gewiß einen Hauptspaß. Es kam aber anders. Fräulein Regine aus dem Pfarrhaus kam, auch ehe es Zeit war. Und Fräulein Regine ließ Frau Besenmüller nicht draußen stehen, und weil das junge Mädchen sagte, es sei so kalt draußen, die Kinder könnten doch mit hinein, tat die Schuldienersfrau wirklich weit die Tür auf, und alle liefen schwatzend und vergnügt in das schöne, alte Haus hinein. Einige dachten: »Nun braucht Besenmüllern die Bimmel nicht zu suchen, schade!« Aber dann vergaßen sie gleich den andern die arme, verstoßene Schulklingel im Holzstall, denn es wurde sehr fein.
Frau Fries hatte lange keine Adventsfeste gefeiert, und sie hätte wohl auch die Kinder nicht zur Adventsfeier eingeladen, wenn nicht Fräulein Regine ihr geholfen hätte. Aber Fräulein Regine konnte singen, die allerlieblichsten Lieder, sie konnte erzählen und plaudern, und dann konnte sie lachen. So mit dem Herzen zu lachen wie Fräulein Regine verstand nicht leicht jemand, und dieses Lachen steckte an. Die große Schulstube sah an diesem Nachmittag lauter heitere, lachende Gesichter, trotzdem der neue Lehrer, vor dem die Kinder immer noch ein wenig Angst hatten, auch im Zimmer blieb. Und Frau Besenmüller saß mit darin und ihr Mann, der emsig an einem rosenroten Strumpf strickte. Frau Fries zeigte es den Kindern, wie sie alle die bunten Papierstreifen, von denen sie eine große Schachtel voll vor sich stehen hatte, zu Ketten zusammenkleben konnten. So etwas hatten die Steinacher Kinder noch nie getan, und sie fanden, es sei eine vergnügliche Arbeit.