Fräulein Regine erzählte dazu das lustige Märlein vom Vater Strohwisch, und dazwischen wurden Lieder gesungen. An einer Geschichte hatten die Kinder aber nicht genug, und sie baten um mehr. Da erzählte ihnen der junge Lehrer etwas aus der Zeit der Befreiungskriege, von der Schlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1813.
»Ach Krieg,« rief Hinzpeters Malchen, »den gibt’s nicht mehr!«
»Na, du,« schrieen die Buben empört, »der kommt schon noch mal.«
»Krieg ist schwer,« seufzte Frau Fries. »Als ich ein junges Mädel war, etwas älter als Malchen, hatten wir Krieg mit Frankreich.«
»Mutter, erzähle den Kindern doch einmal die Geschichte aus Urgroßvaters Jugendzeit,« bat Heinrich Fries. »Sie ist zwar ernst, aber eigentlich ist es eine Adventsgeschichte, wenn sie auch im Sommer beginnt.«
»Sie ist zu lang,« warf die Mutter ein.
»Och nä,« schrieen die Kinder, just als wüßten sie genau, wie lang die unbekannte Geschichte sei. Und selbst Besenmüller, der bis dahin unentwegt und stumm an seinem rosenroten Strumpf gestrickt hatte, tat seinen Mund auf und sprach: »Zu lang is ’ne Geschichte niche leicht, wenn se scheene is.«
»Ob sie schön ist, mögt ihr alle nachher entscheiden,« sagte Frau Fries lächelnd. »Sie ist lustig und ernst, und der Försterbube darin war mein Großvater. Es ist also eine wahre Geschichte, und das ist auch etwas wert. Nennen werde ich sie
Schloß Moorheide.
An einem See, den dunkler Tannenwald umschloß, lag ein graues Haus. Schloß Moorheide wurde es genannt, obgleich der einfache, gerade Bau, dem jeglicher Zierat fehlte, nichts Schloßartiges an sich hatte. Nur die breite Freitreppe, die vom Eingang hinab in einen ziemlich wilden Garten führte, verlieh dem Haus ein vornehmes Aussehen. Am Fuße dieser Treppe stand an einem Sommertag des Jahres 1812 ein kleines Mädchen, ein feines, zierliches Ding mit braunen Locken und veilchenblauen Augen.