Vor ihr stand, die Hände in den Hosentaschen, ein etwas größerer Bube. Er war halb städtisch, halb bäurisch gekleidet, und sein braungebranntes Gesicht stach drollig gegen die flachsblonden Haare ab. Dem ganzen kleinen Kerl sah man an, daß er in Wind und Wetter draußen war, und seine blitzenden Augen verrieten, daß er zu allerlei tollkühnen Unternehmungen gern bereit war.

»Du bist feige,« sprach er grollend zu seiner Gefährtin.

Sabina von Hartenstein, den Namen führte das zierliche Mädchen, schüttelte traurig den Kopf. »Ich darf doch nicht,« sagte sie, und ein sehnsüchtiger Blick flog nach dem Walde hin; in den Augen stand: »Ich möchte schon.«

»Frag’ nur deine Frau Mutter,« drängte der Bube. »Pah, mit mir kannst du doch in den Wald gehen!« fügte er ein bißchen prahlerisch hinzu und reckte die Stupsnase gewaltig in die Höhe.

Babinchen, so wurde Sabina gerufen, lachte schelmisch: »Du tust gerade, als wärst du mindestens ein Ritter, Heine. Großvater sagt, es sei jetzt so unsicher, man könnte immer Soldaten erwarten, und du weißt« – sie sprach das Wort nicht aus, aber ein scheuer Blick flog nach dem Hause hinauf. Oben stand ein Fenster offen, und manchmal hörte man ein paar Männerstimmen in der friedlichen Nachmittagsstille aufklingen.

Heine Strohmanns hellblaue Augen blitzten, und er schaute mit ehrfurchtsvoller Bewunderung zu dem Hause hinauf.

Der Bube war der Sohn des Försters, sein Vater wohnte nicht allzuweit vom Schloß entfernt im Walde. Fast täglich kam Heine in das Schloß, denn Babinchen war seine liebste Spielgefährtin; die beiden streiften dann oft stundenlang in den weiten, sich bis an die russische Grenze hinziehenden Wäldern umher. Heine kannte Weg und Steg so gut, daß er sich selbst im Dunkeln zurechtfand. Er kannte aber auch jeden Vogelruf, er wußte, wo die Rehe ästen, wo Füchse, Dachse und anderes Getier hausten, und oft genug hatte er seiner kleinen Freundin schon allerlei Wunder des Waldes gezeigt. Heute hatte er ihr einen Fuchsbau weisen wollen, er hatte vor etlichen Tagen die jungen Füchslein gesehen; morgen wollte der Vater das ganze Nest ausheben, da sollte es nun Babinchen noch rasch sehen. Es kam ihm sehr ungelegen, daß Frau von Hartenstein ihrem Mädel verboten hatte, im Wald herumzustreifen. Noch waren nämlich die Truppen des Kaisers Napoleon auf dem Durchmarsch nach Rußland begriffen. Dieses große Reich sollte Napoleons unersättlicher Ländergier auch zum Opfer fallen, und das arme Preußen, halb vernichtet in dem unglücklichen Krieg von 1806–1807, mußte sich den Durchzug der Truppen gefallen lassen. Napoleon nannte den König von Preußen zwar jetzt seinen Freund und Bundesgenossen, aber dabei glich der Durchmarsch seines Heeres eher einem großen Raubzug.

Nach Schloß Moorheide, das abseits von der großen Heerstraße lag, waren bisher noch keine Soldaten gekommen. Auch das nahe Dorf war noch davon verschont geblieben, Vorspanne, Schlachtvieh und Lebensmittel aller Art liefern zu müssen.

Auf Moorheide wohnten schon seit etlichen Geschlechtern die Hartensteins. Der alte Herr Jobst von Hartenstein, der derzeitige Besitzer, war schon lange verwitwet. Bei ihm lebte seine Schwiegertochter mit ihrem Töchterchen Sabina. Auch ihr Mann war tot; wenige Wochen nach Babinchens Geburt war er gestorben. Die Kleine dachte oft sehnsüchtig an den Vater, den sie nie gekannt hatte, und den sie doch so liebte, weil alle Menschen, die von ihm sprachen, nur Gutes zu erzählen wußten. Wenn aber auf den Nachbargütern der Name Ferdinand von Hartenstein genannt wurde, dann schwiegen meist alle dazu, die Männer schauten ernst und trübe drein, und die Frauen hatten Mitleidstränen in den Augen. Auch in dem etwas düsteren Schloß am See wurde dieser Name nur in leiser, weher Trauer genannt, und der Großvater, der seit einem Jagdunfall lahm war, sprach fast nie den Namen aus. Ferdinand war sein Enkelsohn, Sabinas vierzehn Jahre älterer Bruder. Der feurige, leidenschaftliche Jüngling hatte sich in seiner heißen Vaterlandsliebe dem Schillschen Korps angeschlossen, er hatte fliehen müssen und war in einer grauen Nebelnacht nach Schweden entkommen. Die Mutter trauerte tief um den letzten Sohn. Der älteste war einst bei Jena gefallen. Der Großvater sehnte sich nach dem fernen Enkel, und Babinchen hatte dem Bruder schon viele heiße Tränen nachgeweint. Mit ihrem Freund, Heine Strohmann, sprach sie oft von dem Bruder. Der Bube bewunderte in dem Flüchtling einen Helden, und er wurde nie müde, von ihm zu hören. Wie der Bruder aussah, wußte Babinchen freilich selbst nicht mehr genau. Schon seit sieben Jahren hatte sie ihn nicht mehr gesehen, und sein Bild hielt die Mutter verborgen. So wußte auch niemand von den Hausgenossen sich recht an den jungen Herrn zu erinnern.

»Ob er es wirklich ist?« fragte Heine jetzt voll ehrfürchtiger Scheu, und sein Blick streifte wieder rasch das offene Fenster. Babinchen legte ihre Arme um den Hals des Kameraden und flüsterte leise, obgleich nirgends ein Lauscher zu sehen war: »Ich denke, er muß es sein. Und weißt du, er ist gekommen, weil Großvater so lange, lange krank war.«