»Wenn ich ihn nur einmal sehen könnte, nur ein einziges Mal!« rief Heine laut und aufgeregt.
Babinchen hielt ihm rasch den Mund zu. »Schrei doch nicht so, Stepke!« schalt sie ärgerlich.
Heine wurde ein bißchen verlegen. Stepke nannte ihn seine kleine Freundin immer, wenn er gar zu wild und jungenhaft war, und darum mochte er den Namen nicht leiden. Er grollte auch jetzt: »Brauchst mich nicht gleich Stepke zu nennen, wenn ich mal ’n bißchen laut rede. Ihr Mariellen seid auch zu zimperlich!«
Mariell ließ sich nun wieder Babinchen sonst nicht gern nennen, sie war an diesem Tag aber viel zu aufgeregt, um auf eine solche Kleinigkeit zu achten. »Wenn du ganz leise gehst, weißt du, auf den Zehenspitzen und ohne Stiefel, dann führe ich dich in die blaue Stube. Die hat nämlich ein Fenster nach Großvaters Zimmer hin, und wenn wir recht leise sind, dann können wir da rasch einmal hindurchsehen; der Vorhang ist nur halb zu.«
Heine hätte beinahe einen lauten Jauchzer ausgestoßen, er besann sich aber noch rechtzeitig auf Babinchens Mahnung zur Stille und hielt sich geschwind seine kleine, braune Hand vor den Mund.
Einige Minuten später schlichen die Kinder auf Strümpfen durch das Haus, während ihre Schuhe einträchtig nebeneinander in einem dichten Holunderbusch im Garten standen. Babinchen führte Heine Strohmann durch einige Zimmer, bis sie aufatmend einige Augenblicke stillstand. Nebenan war das blaue Zimmer, und von dort aus konnten sie in Großvaters Arbeitsstube sehen. Es hatte ihr niemand verboten, das blaue Zimmer zu betreten, sie hatte schon oft durch das Fenster geschaut und dem lieben Großvater zugenickt und zugelacht. Dennoch zögerte sie jetzt. War es nicht doch etwas Heimliches, was sie nun tun wollte? Warum wagte sie eigentlich nicht, Heine einfach in das Zimmer zu führen?
Seit zwei Tagen waren Gäste im Haus, ein paar junge Männer. Ihre Namen wußten außer dem Großvater und der Mutter wohl nur noch Förster Strohmann und die alte, treue Marinka. Die aber waren beide verschwiegen und hätten sich eher die Zunge abgebissen, ehe sie ein ihnen anvertrautes Geheimnis verraten hätten. Trotzdem niemand über das Woher und Wohin der Fremden etwas wußte, sagten es doch alle im Hause, von der Köchin Lisabetha an bis hinab zu dem kleinen frechen Pferdeknecht Michael, daß der Jüngere der Fremden kein anderer sei als Junker Ferdinand, der geflüchtete Sohn des Hauses. Auch Babinchen glaubte es halb und halb, und sie hätte so gern den Fremden als Bruder angeredet, aber sie sah ihn wenig; fast immer waren die beiden Gäste in des kranken Großvaters Zimmer. Kam er aber einmal in das Wohnzimmer und sprach zu ihr, dann schwieg sie befangen, ja dann schien es ihr kaum möglich, daß dieser Mann mit dem ernsten Gesicht, der breiten, roten Narbe über der rechten Wange, ihr Bruder sein sollte, so fremd kam er ihr vor, und sie meinte, der fröhliche Jüngling, der sie als ein noch viel kleineres dummes Mariellchen oft samt ihrer Puppe Rosalinde spazierengefahren hatte, sei doch ein ganz anderer gewesen.
Babinchen hatte auch ihrem Freund Heine ihren Zweifel nicht verschwiegen, der aber hatte versichert: »Wenn ich ihn nur eine Minute sehen könnte, ich wüßte ganz genau, ob er’s ist.« Und dabei war der Bube bei des Junkers Abschied auch erst ein rechter Dreikäsehoch gewesen!
Aber die Kleine glaubte dem Freunde seine kühne Behauptung, und darum schlichen sie jetzt alle beide in die blaue Stube, um den geheimnisvollen Fremden zu sehen. Babinchens Herzlein schlug so laut, daß sie meinte, man müsse sein Pochen drin im Nebenzimmer hören; sie wagte kaum einen scheuen Blick durch das nur lose verhängte kleine Fenster, das nach altmodischer Bauweise in die Stubenwand eingelassen war. »Guckerchen« nannte man es im Hause, und am Guckerchen stand nun Heine und starrte mit heißen Augen hinüber. »Er ist’s,« flüsterte er der Freundin zu, die ihm rasch und angstvoll den Mund zuhielt, während ihre Augen flehten: »Sprich nicht, sei leise!«
Drinnen in dem Zimmer saß in einem Lehnstuhl Babinchens Großvater. Sein bleiches Gesicht trug die Spuren langer Krankheit, und blaß und schmal lagen die Hände auf der dicken Decke, in die er sich trotz der Sonnenwärme gehüllt hatte. Die schönen, klaren Augen des alten Herrn ruhten liebevoll auf einem jungen Mann, der auf einem niedrigen Schemel vor ihm saß und ihm etwas zu erzählen schien. Was er sagte, verstanden die beiden Eindringlinge am Guckerchen nicht. Babinchen zitterte wie ein Grasstenglein im Wind vor Aufregung, ihr Freund aber hatte ganz vergessen, wo er sich befand. Der braunlockige junge Mann mit den grauen, kühn blitzenden Augen, der zu den Füßen des Gutsherrn saß, das mußte er sein, er, der Held.