Doch da zupfte ihn Babinchen am Jackenzipfel, das sollte heißen: »Komm, komm!« Die Kleine hatte gesehen, daß nur noch der andere Gast, ein hochgewachsener, schlanker, blonder Mann, der aber wohl erheblich älter als sein Freund sein mochte, im Zimmer war. Die Mutter fehlte, und Babinchen war besorgt, sie könnte kommen und sie beide am Guckerchen finden. Endlich gelang es ihr mit Zupfen und zaghaft geflüsterter Bitte, den Kameraden fortzulocken. Auf leisen Sohlen huschten beide wieder hinaus, unten im Garten aber sprang Heine Strohmann hoch vor Freude und rief: »Er ist’s, ganz gewiß, er ist’s! Den erkennt –«

»Babinchen, Heine!« rief Frau von Hartenstein. Babinchen konnte noch gerade in ihre Schuhe schlüpfen, ehe die Mutter aus dem Hause trat.

»Frag’ wegen der Füchse!« tuschelte ihr Heine so laut zu, daß seine kleine Freundin gar nicht erst zu fragen brauchte. Die Mutter hatte es gehört und wollte nun wissen, was mit den Füchsen sei. Sie lachte, als Heine Strohmann die Fuchsfamilie begeistert pries und treuherzig hinzusetzte, mit ihm könne Babinchen schon gehen, es sei kaum eine halbe Stunde weit; außerdem werde sein Vater vielleicht ganz in der Nähe sein, er habe heute früh davon gesprochen.

»Nun, meinetwegen lauft,« sagte Frau von Hartenstein freundlich, »aber bleibt nicht zu lange. Bittet Marinka, daß sie euch ein Vesperbrot mitgibt.«

Die Kinder jauchzten auf, Babinchen umarmte die Mutter stürmisch, und weil ihr das Gewissen beschwert war ob des heimlichen Schauens durch das Guckerchen, nahm sie einen so zärtlichen Abschied, als ginge sie auf eine große Reise. Da wurde der Frau das Herz seltsam schwer. Sie preßte ihr Kind fest an sich und sagte mit leiser Bangigkeit: »Gib mir gut acht auf mein Mädel, Heine!«

Das versprach der Bube wichtig, und bald darauf trabten die beiden Kinder dem Walde zu. Die halbe Stunde, die Heine angegeben, hatte ein recht tüchtiges Schwänzlein. So geschwind die Buben- und Mädelbeine auch über den grünen Waldboden liefen, es dauerte doch über eine Stunde, ehe sie am Fuchsbau anlangten. Sie hatten zuletzt die Landstraße überschreiten müssen, die in einem Bogen um Schloß Moorheide herum nach der nächsten Stadt führte. Eine Seitenstraße ging von ihr aus nach dem einsamen Gutshof und dem nachbarlich gelegenen Dorf.

»Bis an die Landstraße sollte ich aber nicht,« sagte Babinchen zaghaft beim Überschreiten, »Mutter hat es streng verboten!«

»Pah, was ist dabei!« meinte Heine. »Komm nur rasch! Eins, zwei, drei sind wir drüben. Wir gehen doch nicht die Straße entlang, und ob wir jenseits durch den Wald laufen oder hier, ist gleich.« Babinchen ließ sich nur zu gern bereden, und husch liefen sie beide hinüber. Die breiten Graben am Wegrand wurden mit kühnem Sprung genommen, und dann tauchten die Kinder drüben in der grünen Dämmerung wieder unter. Üppiger Laubwald drängte sich zwischen den Nadelwald hinein. Weil die Vögel hier gut Nester bauen konnten und ein kleiner Waldsee auch allerlei Wasservögeln Wohnung gab, so schwirrte, sang, kreischte, rohrte und schnatterte das oben und unten lustig durcheinander. In all das Vogelgeschwätz hinein aber sagte Babinchen: »Es klingt wie Donner, was ist das nur?«

»Es wird ein Wagen auf der Landstraße sein,« sagte Heine achtlos, denn seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Fuchsbau. Dort mußte er doch sein, dort, wo die Sonne durch eine Lücke drang und einen großen hellen, runden Fleck auf den Waldboden malte. Aber die Füchslein lagen nicht wie am Tage vorher draußen und sonnten sich. Alle miteinander steckten sie in ihrer dunklen Wohnstube, und nicht eine einzige rote Fuchsrute war zu sehen.

»Das ist doch zu dumm,« brummte Heine, »was ihnen nur einfällt!«