Sie wußte nur zu gut, daß Heine mit seiner Angst recht hatte. Erst gestern hatte sie gehört, wie Lisabetha erzählte: »Wenn nur keine Franzosen kommen! Die nehmen den jungen Herrn gleich mit oder schießen ihn mausetot.« Und dann hatten die Mägde und Knechte sich allerlei schauerliche Geschichten erzählt, von den jungen Offizieren, die Napoleon in Wesel hatte erschießen lassen, und noch manche andere trübe Begebnisse. Babinchen hatte schaudernd im Winkel gesessen und gelauscht – jetzt kam ihr alles wieder ins Gedächtnis, und aufgeregt flehte sie: »Komm doch, Heine, komm, wir müssen zurück!«

Heine schüttelte nachdenklich, finster den Kopf. »Hör’ nur, sie müssen schon nahe sein, und wenn wir zurück über die Straße laufen, dann sieht man uns, und dann – nein, das geht nicht.«

»Wir rennen eine Weile am Rand des Waldes entlang und dann fix hinüber,« riet Babinchen.

Der Bube betrachtete seine Gefährtin. »Dein weißes Kleid verrät uns!« Er wußte als Förstersohn zu gut, daß etwas Weißes im Walde weithin leuchtet, deshalb wagte er sich mit seiner Freundin nicht nahe an den Rand. Er allein wäre ohne Besinnen nach dem jenseitigen Wald gelaufen, aber verlassen durfte er Babinchen nicht. Er fühlte sich als ihr Beschützer, hatte er doch versprochen, sie sicher heimzubringen.

»Ach, wenn ich doch braun wäre,« schluchzte das Mädel, »dann liefen wir schnell vierbeinig über die Straße, und die Franzosen dächten, es wären Rehe, und –«

»Schießen auf uns,« vollendete Heine. Da schwieg Babinchen verzagt und lauschte bebend auf den Lärm, der mehr und mehr die Waldstille übertönte.

»Wir müssen hinüber,« überlegte Heine, »rasch hinüber, müssen die zu Hause warnen!« Und er meinte, das einzige Hindernis sei Babinchens weißes Kleid. Daß den Soldaten auch dunkle, über den Weg huschende Gestalten verdächtig sein könnten, das überlegte er gar nicht.

Auf einmal aber kam ihm ein rettender Gedanke; ja, so mußte es gehen, so. Hier ganz nahe war ein Moorloch. Sein Vater hatte ihn einmal gewarnt, auf den dunklen Grund zu treten, er hatte ihm auch die Stelle gezeigt, wo der feste Grund begann. In das Moor mußte Babinchen ihr weißes Kleid tauchen, es darin dunkel färben, dann war die Sache ungefährlich. Hastig teilte er seiner Gefährtin den Plan mit, und die fand ihn über alle Maßen klug. »Ausziehen tu ich mich nicht erst, das dauert zu lange, ich steig’ gleich so hinein,« sagte sie entschlossen.

Heine nickte. Ja, so war es gut; er wollte sie halten, damit sie nicht im Moor versinken konnte, denn wirklich, das Umziehen hätte zu lange gedauert. Babinchen war sonst ein rechtes Furchthäschen, aber in dieser Stunde vergaß sie alle Angst. Sie war zu allem bereit, nur heim mußte sie so rasch wie möglich, heim, alle warnen und bei der Mutter sein. Wie sehr sie sich nach der Mutter sehnte! In wenigen Minuten waren die Kinder am Moorbach angelangt; wie die Böcklein sprangen sie durch den Wald und vergaßen in ihrem Eifer ganz, daß scharfe Augen sie jetzt gut von der Straße aus hätten sehen können.

Doch dort zogen noch keine Soldaten, nur der Schall ihrer Schritte, das Rasseln und Rollen ihrer schweren Wagen kam immer näher wie ein aufziehendes Unwetter.