Auch in der Stille von Steinach hatte jeder Tag nur vierundzwanzig Stunden, und Tag reihte sich an Tag. Eine Woche vorbei, Weihnachten da, Weihnachten vorüber. Das neue Jahr stand vor der Tür, das alte Jahr nickte noch einmal in alle Häuser hinein; es sah, wie in Steinach die Christbäume brannten, wie Blei gegossen wurde und die Kinder auf Waschschüsseln Lebensschifflein schwimmen ließen, – vorbei, vorbei!

Das neue Jahr rief die Kinder wieder in die Schule, und Frau Besenmüller seufzte: »Nu geht das Geschrei wieder los.« Aber das neue Jahr, das sich stolz 1914 nannte, hatte ein strenges Gesicht aufgesetzt, es dachte »nicht verwöhnen«, und Meister Januar kam mit viel Schnee und Eis einher. Er blieb, solange er durfte, er zwackte seinem Bruder Februar noch einen Tag ab, dann erst ließ er ihn herein. Der nun liebäugelte schon ein wenig mit dem Frühling; warme, sonnige Tage kamen, ein milder Wind wehte, bis es dem Februar wieder einfiel, daß er eigentlich ein Wintermonat sei. Und schwuppdirwupp schüttelte er ein paar Schneesäcke aus, überzog die Wässer mit Eis und schnob die Menschen an: »Geschwind hinter eure Kachelöfen, da gehört ihr hin!«

Doch vorbei, vorbei! Der März löste den Februar ab, und je länger er auf der Erde war, desto milder wurde sein Lächeln. Und dies milde, sonnige Lächeln lernte der April von ihm, der sonst ein rechter Bube in der Zeit der Flegeljahre ist. Den Schnee trank die Sonne auf, das Eis zerfloß, und unversehens blühten in Steinach die Veilchen. Und nirgends blühten sie reicher als auf dem Schafskopf.

Eines Tages wanderte Heinrich Fries mit seiner Mutter zur Schelmenburg empor, und dort sahen sie beide das holde Frühlingswunder: Heckenrosen im Sommer, Veilchen im Lenz, das waren die Blumen des Schafskopfes.

Es war ein sonnenheller Frühlingstag, und der junge Lehrer sagte droben am Ziel laut das kleine Lied:

»Saatengrün, Veilchenduft,

Lerchenwirbel, Amselschlag,

Sonnenregen, linde Luft!

Wenn ich solche Worte singe,

Braucht es dann noch großer Dinge,