Die Schelme von Steinach. Seite 137.
Ein Stück Mauer lag völlig in der Sonne, und auf dieser Mauer saß – Besenmüller. Er strickte wieder an seinem rosenroten Strumpf und schmunzelte über das ganze Gesicht, als er alle daherkommen sah. »Oh, Besenmüller ist’s nur!« schrieen die Kinder enttäuscht.
»Nu freilich, iche bin’s.« Der Alte zog seinen Mund in die Breite, als wäre der aus Gummi. »Ihr dachtet wohl, hier säße der Herr Arnulf und dächte an alle dummen Streiche, die er gemacht hat in seinem Leben? Nä, so etwas is niche.«
»Besenmüller, ach, erzähl’ uns mal von dem!« bettelten die Kinder.
»Heute niche,« brummelte der Alte, er warf dabei einen etwas scheuen Blick auf Frau Fries und ihren Sohn. Doch auch die baten: »Erzählen Sie, Besenmüller.« Heinrich Fries fügte hinzu: »Ich wollte schon lange darum bitten. Der Herr Pfarrer sagte, es wüßte niemand so viel Schelmengeschichten wie Sie.«
»Na ja, Geschichten sin was Feines!« Besenmüller nickte. Er sah auf die Kinder und auf die noch halb leeren Körbchen. »Aber erst pflückt die Veilchen, denn sonst kriegt ’s Fräulein Regine nischt.«
»Ja, erst pflücken. Wenn wir dann den Kranz und die Sträußchen winden, erzählt Besenmüller,« sagte auch Frau Fries. Zur Eile brauchte sie nicht erst zu mahnen. Die Kinder stoben davon und pflückten nun wirklich mit der allergrößten Emsigkeit. Die Körbchen füllten sich, und es dauerte nicht lange, da konnten sie die Blumen Frau Fries bringen, die sich auf das sonnenbeschienene Mäuerlein gesetzt hatte. Mit flinken Händen wand sie den Kranz. Die Mädel, denn dazu waren die Buben zu tolpatschig, reichten ihr die Veilchen in kleinen Büscheln zu. Besenmüller strickte emsig seinen rosenroten Strumpf, und dabei erzählte er, wie einst Herr Arnulf von Steinach an des Kaisers Hof gereist war. Die Kinder paßten alle sehr gut auf, am allerbesten aber paßte ihr Lehrer auf. Der schrieb nach, so wie Besenmüller erzählte, denn Besenmüller hatte seine eigene Weise, Geschichten zu erzählen. Wort um Wort kam die Geschichte in Herrn Heinrichs Taschenbüchlein zu stehen, und während er so zwischen den Trümmern der alten Schelmenburg saß, kam es ihm in den Sinn, er möchte ein Buch von den Schelmen schreiben.
»Fertig die Geschichte.«
»Fertig der Kranz,« sagten Besenmüller und Frau Fries fast zu gleicher Zeit. »Fein!« schrieen die Kinder im Chor, und es war nicht recht zu unterscheiden, ob sie die Geschichte oder den Kranz meinten.