Desto mehr redete Arne. Seine Stimme tönte hell die Apfelstraße entlang, und von einem Pfundapfelbaum und anderen Bäumen, auch aus dem Graben heraus, in dem die Mädel saßen, kam Antwort. Lustige Neckworte flogen hin und her. Manchmal sauste ein Apfel von Baum zu Baum, im Graben kicherte es, und in all den heiteren Lärm hinein schrie auf einmal Zimplichs Max: »Nu kommt er balde!«

»Wer denn?« Die den Ruf gehört hatten, fragten es, und die anderen riefen: »Was hat er gesagt?«

»Der Neue.« Zimplichs Max brüllte es laut, und Ach- und Ohrufe tönten die Apfelstraße entlang. Auf einmal dachten sie alle an den neuen Lehrer, auf den sie ungeheuer neugierig waren. Ob er wohl sehr streng war? Strenger als Herr Hiller sicher! Und nun würden die schönen vielen Feiertage ein Ende haben, denn Vater Hiller hatte zuletzt nicht mehr soviel unterrichten können, er war lange leidend gewesen.

»Ich fürcht’ mich niche!« Ein kleiner, dicker Stöpsel, der mit Müh und Not auf einen niedrigen Baum gekommen war, schrie es kühn und laut. Das Wort fand Beifall von da und dort, von oben und unten versicherten es Buben und Mädel: »Wir ferchten uns niche.«

»Jackenknöpfle hat recht!« Webers Arne warf dem kleinen, dicken Burschen einen roten Himbeerapfel hinüber, der fing ihn auf, biß hinein und ärgerte sich dabei. Sein Spitzname kränkte ihn. Jakobus Knöpfle hieß er, daraus hatte ein Spaßvogel Jackenknöpfle gemacht, und dieser Name hing ihm nun an. Seine Mutter tröstete zwar: »Sei froh, daß sie nicht Hosenknöpfle sagen!« Aber das war doch nur ein schlechter Trost. –

Während so die Kinder auf der Apfelstraße von dem neuen Lehrer redeten und Besenmüller auf der Pflaumenstraße verdrießlich an ihn dachte, fuhr Herr Heinrich Fries im Zuge nach Steinach. Er war der neue Lehrer, und als er so das Land im Herbstschmuck sah und an seine Frühlingsreise dachte, kam es ihm ganz wunderbar vor, daß nun Steinach sein Ziel war. Wie es so kommt. Im Sommer hatten die Ersparnisse noch nicht zu einer Reise gereicht, und Mutter und Sohn hatten zueinander gesagt: »Nächstes Jahr vielleicht.« Und dann war Heinrich Fries eines Tages in die Schule gekommen, in der er als Hilfslehrer unterrichtete, da hatte sein Rektor zu ihm gesagt: »Wollen Sie auf das Land? Es ist schnell eine gute Stelle zu besetzen. Der dortige Lehrer ist krank, er will in den Ruhestand treten.«

Auf das Land? Dorflehrer sollte er werden? Nur zögernd hatte er gefragt: »Wie heißt denn der Ort?«

»Steinach am Wald.« Der junge Lehrer im Zug mußte wieder lächeln, als er an sein Erstaunen damals dachte und an das seiner Mutter über den seltsamen Zufall. Steinach am Wald, dorthin sollte er. Nur drei Tage blieben ihm Bedenkzeit, und in diesen Tagen hatten Mutter und Sohn viel von dem fernen Dorf gesprochen. Sehr froh waren sie beide nicht, sie wären gern in der Stadt geblieben.

Frau Fries gehörte zu jenen Müttern, in deren Herzstübchen die Wände voller Bilder hängen, fast alles Bilder ihrer Kinder. In diesem Stübchen stehen dann lauter Dinge, an denen die Kinder ihre Freude haben oder sie einst hatten. Auch ein großes Sorgenwinkelchen gibt es drin, dort liegt das Leid der Kinder. Manchmal ist dieser Sorgenwinkel recht groß, und die Mutter hat viel, viel damit zu tun. Auch Frau Fries’ Herzstübchen war immer ausgefüllt von der Sorge und Freude um ihren Sohn. An sich selbst dachte sie nie, nur an den Sohn, und der sollte mehr werden als nur ein Dorflehrer, ein Gelehrter sollte er werden wie sein Vater. In der Stadt konnte er weiterarbeiten, auf dem Dorfe wohl nicht.

Die gute Mutter! dachte Heinrich Fries, als er Steinach immer näher kam. Nun würde er bald dort sein, aber allein zuerst, so hatte es die Mutter verlangt. »Wenn es dir nicht gefällt, kommst du zurück,« waren ihre Worte gewesen. Und der Sohn wußte, sie würde in ihrer Einsamkeit von morgens bis abends arbeiten, nur für ihn. Sie würde für ihn sorgen unermüdlich, vielleicht kam er bald zurück und brauchte ihre Hilfe.