»Die hat jemand geholt,« rief Frau Besenmüller zornig.
»I nä, ich hab’ doch alleweil hier gesessen!« Ihr Mann schüttelte den Kopf. Wer sollte wohl in Steinach Strümpfe von der Leine wegtragen? Solche Untaten mochten in Städten vorkommen, in Steinach nicht.
»Aber ’s waren doch hundertvierunddreißig,« jammerte Frau Besenmüller, als Frau Fries einwarf, sie könnte sich vielleicht auch verzählt haben.
»Zählen, das kann ich, schreiben und lesen, nä, aber zählen fein. Und hundertvierunddreißig Strümpe waren’s.« Dabei blieb Frau Besenmüller, aber sooft sie es auch versicherte, die Strümpfe kamen nicht wieder, und es wußte ihr auch niemand zu sagen, wohin sie gekommen waren.
Wenn vier Strümpfe auf einmal spurlos verschwinden, so ist das sonderbar, viel sonderbarer aber ist es, wenn am hellen Tag zwei Buben aus einem Dorf verschwinden, als hätte die Erde sie verschluckt.
Am Abend dieses schönen Herbsttages sagte Arne Webers Mutter ärgerlich: »Der Junge ist nicht heimgekommen, seit Mittag sitzt er nun bei Knöpfles.«
Knöpfles Haus lag am andern Dorfende, man ging sechs Minuten bis dahin, und in Steinach nannten sie das einen weiten Weg. Frau Weber schickte daher auch keinen Boten aus; kam Arne nicht heim, so schlief er wohl im Knöpfle-Haus. »Morgen gibt’s Geschimpfe,« drohte nur die Mutter. Und um die gleiche Stunde sagte dies Frau Knöpfle. Auch sie war ärgerlich, daß ihr Jakobus seit Mittag bei Webers war, denn dahin hatte er gehen wollen.
In dieser Zeit bedrängten die Bäuerinnen mancherlei Sorgen, und um die Kinder, die daheim geblieben waren, konnten sie sich weniger kümmern. Erst am nächsten Morgen – schon war viel Arbeit im Hause getan – lief von Webers zu Knöpfles und von Knöpfles zu Webers je eine Magd, die Buben heimzuholen. Die Botinnen kamen mit viel Geschrei zurück. Arne war nicht bei Knöpfles und Jackenknöpfle nicht bei Webers.
Vielleicht waren sie bei Zimplichs, vielleicht bei der kleinen Krämersfrau Langbein, vielleicht da, vielleicht dort? Erst war es ein Fragen ohne Sorgen, aber wie der Tag weiter vorschritt und immer mehr Leute im Dorf erklärten, sie hätten die Buben überhaupt nicht gesehen, da wurden die Mütter ängstlich. Wo waren die nur? »Vielleicht auf dem Schafskopf,« dachte der Bauer Weber, und er sagte nicht, wie jäh die Angst riesengroß in ihm wurde, die beiden könnten oben in dem alten Gemäuer verschüttet worden sein.
Er stieg selbst hinauf mit seinem alten Knecht, so schnell er konnte, andere folgten, aber oben fanden sie alle nichts. Nicht einmal eine frische Fußspur war zu sehen. Die Hagebutten glänzten rot wie vor einem Jahr, als Heinrich Fries zum erstenmal auf dem Berg gewesen war.