Die Bahnbeamten machten dem Offizier ehrerbietig Platz. Man sah es ihm an, er war schon draußen gewesen in Kampf und Not. Ganz verwirrt, geblendet von der Tageshelle nach dem langen Aufenthalt in dem dämmrigen Wagen, folgten die Buben. Sie bekamen Brot und Saftwasser, aber so hungrig und durstig sie auch waren, denn die Vorräte aus der Mütter Speisekammer hatten für die lange Reise nicht gereicht, sie vergaßen doch Essen und Trinken vor dem, was sie hörten. Von dem Krieg erzählte der fremde Offizier, von dem schweren, harten Kampf, dem verzweifelten Ringen gegen anstürmende Übermacht. Im Osten hatte der Erzähler mitgekämpft, und er erzählte von verbrannten Dörfern, zerstörten Heimstätten, fliehenden Bewohnern, und er erzählte, wie unermüdlich deutsche Männer das Land verteidigten. Im Kugelregen, im nimmerruhenden Feuer hatten sie gestanden Stunden und Tage, und dann waren sie marschiert, Stunden um Stunden, Tage um Tage, hungernd, dürstend, aber sie hatten alle nur das eine gedacht: »Es ist fürs Vaterland.« Es hatte keiner geklagt, es war keiner verzagt, singend waren sie in den Tod gegangen. Und ob die Sonne glühend über ihnen brannte, ob sie durch Moor und Wasser waten mußten, ob der Regen sie durchnäßte, in Wunden und Schmerzen hatten sie nur an ihr Vaterland gedacht. Das war der Krieg, in den die Buben mit dem Schulranzen ziehen wollten.

Die beiden Buben saßen still mit gesenkten Köpfen am Tisch. Der Fremde sagte nicht: Ihr seid recht dumme, unbedachte Jungen gewesen, was wollt ihr mit euren schwachen Kräften da draußen? Aber sie hörten beide doch in ihren Herzen diese Worte.

»Nach Steinach, einsteigen,« rief der Schaffner ihnen zu.

Der Offizier sprang auf und schob sie beide rasch dem Zuge zu. Sie wurden in einen Wagen gehoben, die Türe wurde zugeschlagen, der Zug setzte sich in Bewegung, und die beiden sahen noch eine Weile den fremden Offizier groß und stattlich in der Sonne stehen. Wie ein rechter Held stand er da. Da stöhnte Arne schwer und sagte scheu: »Am Ende war das Hindenburg.«

Jackenknöpfle schnappte nach Luft vor Überraschung. »Hindenburg!« Weiter konnte er zuerst nichts sagen, und auch Arne flüsterte es nur nach: »Hindenburg!«

Der Gedanke an dieses ungeheure Erlebnis linderte ihren Kummer über die verfehlte Reise, auch die Angst vor dem Empfang daheim war nicht groß. Vielleicht hatten sie wirklich Hindenburg gesehen, nun konnten sie doch etwas erzählen. Zuletzt wuchs ihre Ungeduld, und sie konnten es kaum erwarten, wieder in Steinach zu sein. Als der Zug hielt, hatten sie es sehr eilig, den Wagen zu verlassen. Sie wollten rasch die Apfelstraße entlang laufen und ins Dorf stürmen mit dem Ruf: »Wir haben Hindenburg gesehen!« Fein würde das werden, – es kam aber anders. Auf dem Bahnsteig standen Arnes Eltern, Jackenknöpfles Mutter und der Pfarrer, denen liefen die beiden Ausreißer gerade in die Arme.

Der Schreck darob fuhr ihnen in die Glieder, und es dauerte ein Weilchen, ehe sie reden konnten.

Wo sie gewesen wären, wollten die Erwachsenen wissen. Die hatten nur die Nachricht von L. bekommen, die Buben wären gefunden. Da mußten sie erzählen von ihrer Fahrt hin und her im Güterwagen von L. nach M. und wieder von M. nach L.

»’n ganzen Tag sind wir gefahren,« versicherte Arne.

»Unsinn, drei Tage! Ihr habt wohl immer geschlafen?«