Die Buben wurden feuerrot, himmelgern hätten sie jetzt wieder im verschlossenen Güterwagen gesessen, es half aber nichts. Sie mußten ihre Ranzen öffnen, und da kamen wirklich die vermißten Strümpfe zum Vorschein. »Die waren doch für Soldaten, und weil wir doch Soldaten werden wollten, darum – –«
»Darum lirumlarum! Setzt euch auf den Schafskopf. Da paßt ihr hin, da habt ihr gleich den rechten Namen,« schrie Frau Besenmüller erbost. »Nä, so was, die scheenen Strümpe! Und gestimmt hat’s doch, hundertvierunddreißig. Ja, zählen, das kann ich. Aber Zeit wär’s, die Schule finge an, sonst kommen noch mehr Buben auf dumme Gedanken.«
Dreizehntes Kapitel
Advent in Sorgen
Jemand kommt auf der Apfelstraße daher, und der alte Briefträger Klöppel sagt: »Morgen, morgen!« – Weihnachtspakete werden gepackt, und diesmal erzählt Vater Hiller eine Geschichte, und die Mütter denken an ihre Söhne, Malchen aber stimmt die Wacht am Rhein an
Ein paar Tage nach Arnes und Jackenknöpfles Heimkehr war es, da kam vom Bahnhof her ein alter Mann die Apfelstraße entlang. Er ging ganz langsam, blieb auch einmal stehen und sah sich um, und obgleich es ein trüber Tag war und der Nebel die Ferne verhüllte, schien dem alten Mann doch alles sonderlich gut zu gefallen. Kurz vor dem Dorfe bogen von einem Feldweg etliche Kinder auf die Apfelstraße ein. Sie hatten Kartoffeln gegraben und sahen wie richtige Erdmännlein aus. Der Fremde blieb stehen und ließ die Kinder herankommen; die musterten ihn neugierig, aber nur wenige Augenblicke stutzten sie, dann schrieen sie plötzlich alle wie aus einem Munde: »Herr Hiller, unser Herr Hiller!«
Es war wirklich Vater Hiller und kein anderer, der da auf der Apfelstraße von Steinach stand und all die kleinen schmutzigen Hände herzlich in die seinen nahm. Die Kinder meinten, er sei zu Besuch gekommen, aber bald erfuhren sie es, Vater Hiller wollte wieder ihr Lehrer sein. Er wollte seinen jungen Nachfolger vertreten, bis der heimkam.
»Vater Hiller ist wieder da!« Der Ruf lief durch Steinach wie eine Siegesnachricht, und wie bei einer solchen strömten die Leute aus den Häusern. Vater Hiller war da, ihr alter, guter Vater Hiller, den mußten sie doch sehen. Dem alten Mann streckten sich so viele Hände entgegen, so viele Leute kamen, ihm guten Tag zu sagen, daß er nur ganz langsam vorwärts kam. Frau Besenmüller im Schulhaus verging fast vor Ungeduld. »Keinen Empfang, nischte nich hat er gewollt, un nu is ’n Lärm im Dorfe wie beim Vogelschießen,« schalt sie. Die große Schulglocke hatte sie im Arm, denn damit wollte sie den alten Lehrer begrüßen. Tüchtig klingeln wollte sie, die Glocke sollte rufen: »Hurra, hurra!« Endlich näherte sich der Zug langsam dem Schulhaus, und nun hielt es Frau Besenmüller nicht mehr aus, sie wollte ihr Freudenklingeln beginnen, aber ihre Hände zitterten vor Aufregung, die Klingel entrutschte ihr und kollerte Vater Hiller vor die Füße.
Der hob sie lächelnd auf. »Ei, die kann es wohl nicht erwarten?« sagte er heiter und schwenkte sacht die Klingel. Die tönte ein wenig, nur als wollte sie fein bescheiden »Willkommen!« sagen.