der sich im selben Moment zum erstenmal in seinem Leben frei fühlte. Er reichte Seidel eine in Leder gebundene Weltgeschichte, konnte scherzen: „In der biblischen Geschichte steht zwar: Gehe hin, verkaufe alles, was du hast, und . . . Aber deshalb gebe ich dir das Buch nicht. Denn ich glaube ja gar nicht an Gott.“
Die fahle Mutter lag im Bett. Der Säugling, wegen dessen unerwünschter Ankunft der Vater den Sohn aus dem Gymnasium hatte nehmen müssen, begann zu schreien. Die Bettlade knackte. Vier Kinder, in verschiedenen Größen, bleich und blutleer, standen reglos da, mit großen Augen.
„Hast eine schöne Weltgeschichte. Zum Andenken an mich. Hast eine Freude . . . mit hundertsiebenunddreißig Illustrationen.“
Ohne den Blick zu erheben, sagte Seidel, daß er voraussichtlich bald der Klassenfünfte geworden wäre.
Und Jürgen rief: „Also nur deshalb, weil dein Vater kein Geld hat, mußt du Hausdiener werden, anstatt vielleicht . . . Minister. Das ist ja! Alles was recht ist.“
„Mein Gott, was redet ihr Buben.“ Die Wöchnerin spuckte in den Napf. „Was ihr redet.“
Jürgen hatte das fließende Gefühl, endlich lieben zu dürfen. Allmählich redete er sich in Zorn hinein. „Absolut! Das ist maßlos ungerecht. Gemein ist das. Einfach hundsgemein! Wahrhaftig, das sage ich jedem, ders hören will.“ Auch Seidel hatte rotgefleckte Wangen bekommen.
Die Mutter beruhigte den Säugling. Und zu den Knaben: „Mein Gott, das sind ja lauter Dummheiten.“
Auf der Straße: ‚Herr Philippi könnte Seidel den weiteren Besuch des Gymnasiums leicht ermöglichen. Er ist reich.‘
„Nehmen wir an,“ sagte Herr Philippi, „es sei schon von vornherein eine Dummheit gewesen von dem schwindsüchtigen Briefträger mit der großen Familie, seinen Sohn ins Gymnasium zu schicken.“