„Braucht Seidel zum Sammeln der Roßbollen eine Weltgeschichte?“ Alle sahen Jürgen erwartungsvoll an, hielten das Lachen noch zurück.

Da erlachte Jürgen sich die Hochachtung seiner Mitschüler: „Zum Roßbollen . . . sammeln braucht man, weiß Gott, keine Weltgeschichte.“

Sie waren zufrieden, nahmen ihn auf. Jürgen sagte noch: „Zu Hause bei ihm . . .“ Er hielt sich die Nase zu. „Und jetzt dazu noch Roßbollen.“ Alle hielten sich die Nase zu.

Plötzlich wich aller Druck von ihm, bei dem Gefühl, nicht mehr allein zu stehen. Und Jürgen nahm sich vor, von nun an immer und in allem so zu sein wie die andern. Das würde das Leben leicht machen.

Am andern Morgen saß Leo Seidel wieder an seinem Platz, in einem neuen Anzug, das Gesicht verschlossen.

„Warum, warum habe ich das getan?“ Unablässig fragte sich Jürgen, weshalb er seine guten Gefühle selbst hingerichtet hatte. Er saß wie ein Verunglückter in einer furchtbaren Blutlache, aus der sich zu erheben ihm unmöglich zu sein schien. Gleich eingesperrten Tieren versuchten seine guten Gefühle auszubrechen und sanken geschlagen in die endlose Tiefe seiner Seele zurück. So bewegte sich sein Körper selbsttätig nach Hause, ins Wohnzimmer.

„Erst lies mir aus der Zeitung vor. Dann gehst du an deine Schularbeiten.“ Die Tante stickte weiter am Stramintischläufer: ‚An Gottes Segen ist alles gelegen‘. Mit dem Schnabel hielt diese, von Rosengirlanden durchzogene Wortkette ein Papagei, der noch unfertig in der Mitte saß.

Der Satz — im Reichstag sei wieder ein Antrag zur Einführung einer hohen Vermögenssteuer gestellt worden — kam automatisch aus Jürgens Mund. ‚Ich allein habe zu Seidel gehalten, habe mit Herrn Philippi gesprochen. Jetzt darf er das Gymnasium weiter besuchen. Ich! Ich habe das veranlaßt. Hilfe! Ich!‘

‚Jawohl, Jürgen ist der Beste von euch allen. Hat zu mir gehalten. Der hat Mut. Hat mich gerettet. Ihr habt mich verraten.‘

‚Und ich? . . . Ich auch!‘ Jürgen sah die Tante irr an. „Wie schrecklich.“