„Was denn? Das ist doch einstweilen nur ein Antrag. Lies weiter. Zuerst die Todesanzeigen!“

„Man muß gut sein . . . So lange gut sein, bis man etwas Schlechtes gar nicht mehr zu tun vermag.“

„Merke dir das“, sagte die Tante und zog dem Papagei einen grünen Faden durch das Auge.

‚Weshalb hat Herr Philippi mir nicht gesagt, daß er Seidel helfen werde? Dann wäre ich vielleicht nicht so furchtbar gemein gewesen . . . Jetzt ist alles verloren.‘

Jürgen bemerkte nicht, daß die Tante vom Dienstmädchen gerufen wurde; er überschrie noch eine Weile seine qualvolle Ohnmacht mit den Worten: „Gott dem Allmächtigen hat es gefallen . . .“, blickte die Nadel an, die im Papageienauge steckte, den Faden, der lang und grün herunterhing, umklammerte in Gedanken mit beiden Händen ein Messer und drückte es langsam in seine Brust.

Entwurzelt taumelte er beim Unterricht mit, mußte schon nach einigen Wochen Leo Seidel weichen, der sich bald zum Primus in die Höhe arbeitete und, da er vorsichtig und schwer angreifbar strebte, von der ganzen Klasse gefürchtet wurde.

Nur das eine Ziel im Kopfe, sein Studium zu beenden, ertrug Seidel stoisch die Demütigungen der Armut und verachtete kein Mittel, wenn es ihm dazu verhalf, Klassenerster zu bleiben. Wer sein eigentlicher Retter war, erfuhr er nie. Auch dann nicht, als er sich vorübergehend mit der ganzen Klasse gegen Jürgen verband und von der Weltgeschichte sprach, die er bei sich zu Hause absolut nicht finden könne.

Als das Nervenfieber lebensgefährlich zu werden drohte, mußte der Hausarzt die Behandlung dem Spezialisten überlassen, dem es auch nicht gelang, mit Eisbeuteln Jürgens vergewaltigte Seele zu heilen: das Gespenst des Vaters zu vertreiben, die Macht der Professoren und der Tante zu brechen.

Erst nach Wochen war des Kranken Gefühlskathedrale wieder so weit in Ordnung, daß er eines Morgens beim Erwachen sich allen Eindrücken, bösen und guten, weich darbieten konnte.

Die Tante schob die auf dem Nachtkästchen stehenden Medizinflaschen zur Seite, schlug ihr Haushaltungsbuch auf, in das sie des toten Vaters „Letztwillige Verfügungen über Jürgen“ geschrieben hatte, und begann das viele Seiten lange Erziehungsprogramm abzulesen.