„Haha!“ lachte Wecker und rieb sich die Hände, „haha! Das wollt’ ich nur wissen! Ihr seid es . . . Ihr liebe Person seid Dorothea — die Gabe Gottes — sonst wolltet Ihr nicht zu Christel kommen! Ja, ja, Mitleid läßt gute Menschen nicht sterben, und sie richten sich vom Sterbekissen noch einmal auf . . . und leben wieder lange. Weiß Gott, was in der Welt steckt; ich glaube: der liebe Gott!“
Da sprang die Gestalt so plötzlich auf, daß Wecker erschrak und zurückfuhr.
„Nun gut,“ sprach sie, und riß ihren Schleier empor und hielt ihn so mit der rechten Hand; „ich bin Dorothea — . . . oder — ich war sie! — Aber Eure Hand darauf — schweigt, schweigt, schweigt . . . daß Ihr mich hier gesehen . . .“
„. . . und was ich gesehen!“ setzte er hinzu. „Wecker bleibt Wecker. Ich bin ein alter Mann und keine alte Frau. Und sollt ich mich selber rühmen, daß ich nicht der Teufel war, sondern bei einem guten Engel zugriff! Und wollt Ihr nicht mit mir kommen, kommt nach! Auf der Treppe ist’s lange schon dunkel. Euer Vater ist wohl auch da? . . oder kommt doch?“
Und da sie leise nickte, sprach er: „nun so seid ihr gebunden — da kommt Ihr schon; denn Ihr scheint nun wieder so vernünftig wie ich!“
Und so ging er. Und sie seufzte tief.
IV.
In Johannes Hause leuchtete der Kamin hell zu den hellen Scheiben hinaus, und von draußen sah die Wohnung sich so ruhig und erdglücklich an wie je. In Christels Stübchen nach Morgen war auch Licht. Rauch stieg aus der Esse gerade und ein wenig mondbeleuchtet von der Sichel des Neumonds zu dem dunkelblauen herbstlichen Himmel empor, und er hatte seinen alten weißen nächtlichen Friedensbogen sich umgegürtet und die Gestirne schienen still so fort, und jeder Stern brannte ruhig und unbewegt so fort, ohne zu flackern und Strahlen zu schießen, wie in einer heilig dunkeln Todtenkammer — der Lebendigen.
Auf Johannes Hofe aber stand ein — bei Tage und von Prunkthoren sogenannter prächtiger englischer Reisewagen, aber diesmal, statt der geraubten, braunen vier — National-Engländer mit sechs schwarz und weiß großgescheckten holländischen Kühen bespannt, und hinten, statt der Bedienten mit zwei angebundenen Mastochsen. Auf dem Bocke aber saß neben dem englischen Kutscher die Kuhmagd, die besser als er ihr liebes Vieh zu bereden und zu regieren wußte. Die Kühe sollten für Herrn Paschalis und seine Tochter Milch geben; die Mastochsen aber frisches Fleisch, wenn sie in der Festung Mainz vor dem doppelten Feinde, den Russen und der Krankheit sich eingeschlossen hätten, wie in dieser Nacht noch geschehen sollte; und die Viehmagd trug schon die unsichtbare Bestimmung an sich, dann Kammerjungfer zu sein, wozu sie schon jetzt so treu als hübsch genug war. Der englische Kutscher war dann ein nothwendiges Uebel und Ueberlei, und ward bloß auf bessere Zeiten aufgehoben, wie ein leeres gutes Weinfaß von einem Winzer auf bessere Weinlesen.
Paschalis war ausgestiegen und that kaum einen Blick nach der Gluth am Himmel zurück; ein schwerer, ja der allerschwereste Seelenschmerz schien ihn zu bedrücken, ja niederzubeugen; denn er hielt ein weißes Schnupftuch in der Hand, und wie er in dem Düster der Nacht unbemerkt zu sein glaubte, hielt er es plötzlich vor die Augen, als wenn er eine Fluth von Thränen darein ausgießen wollte, ob gleich kein Tropfen darein floß und sein Gehirn wie ausgetrocknet war, und doch wollte er nur — wenn ihn ja Jemand bemerkt — das Ansehen tragen: als habe er genieset; und er nahm wieder Tabak aus seiner goldenen Dose; aber er steckte ihn in den Mund — denn es war schwarzbraunes egyptisches Opium.