Johannes hatte das schöne Vieh brüllen gehört, sich hinaus getraut, seinen dankbaren Freund Paschalis gefunden, sich gewundert, und voll wie sein Herz war — demselben in einfachen Worten das Schicksal mitgetheilt, das sein Haus betroffen, aber keinen Trost erhalten, als einen langen Händedruck und keine Antwort als: „Dankt Gott für dieses reine Leid, mein lieber Johannes!“ und auf die Frage, wo Dorothea sei, erhielt er nur den Bescheid: „sie ist auf Euren Thurm gestiegen, um den Rauch von Breitenthal noch einmal zu sehen.“

Während nun Johannes für die Leute und das Vieh sorgte, schlich Paschalis sacht an die lichten Fenster, lehnte leis die Stirn an und sahe hinein, und er sahe: In der großen Wohnstube, ihm gegenüber an der Wand, hatte der alte Frommholz seine Hobelbank, und er arbeitete mit Daniel an einem kleinen Sarge; denn es waren schon sechs Brettchen zugeschnitten, und der Knabe und der Alte sägten eben an den vier kleineren.

„Ach, Ihr seyd glücklich!“ sagte Paschalis und schlich vorüber, an Christels Stübchen. Seine Angst, als Vater Dorotheas, war groß; seine Ungewißheit war halbe Verzweiflung. Denn während in seinem Schlosse sieben Feinde, Kosaken, gelegen, schien seiner Tochter ein unmenschliches Unglück zugestoßen zu sein. Er vermuthete es nur, er wußte es nicht. Er hatte sie nicht gefragt vor Entsetzen und Scham; sie hatte also auch nicht geredet, vor Entsetzen und Scham, Aber in dieser Meinung hatte er ein siebenfaches Verbrechen begangen, und das marterte ihn. Aber auch Dorothea schien ein siebenfaches Verbrechen begangen zu haben, so gut oder so schlimm wie er, nur auf andere Weise. Er vermuthete das gleichfalls nur, und er wußte auch das nicht. Aber Dies zugleich — oder Jenes allein, schien sie zu foltern; und er war kein Vater und kaum ein Mensch mehr, nur sein eigener körperlicher runder Schatten; und seine Seele war nur noch wie der schrillende Klang einer geborstenen Glocke, die er nicht wagte anzurühren mit dem leisesten Gedanken, aus Furcht, sie verrathe den schmählichen Riß — ihm selber. Und noch unglücklicher hätte er sich gefühlt, wenn er nur hätte ahnen können, mit welchen seligen tröstenden Worten von Brautstand und Ehestand Meister Wecker seiner Tochter Dorothea die leidende unschuldig-schuldige Seele zerrissen.

Jetzt sah er in Christels Fenster. Da drinnen aber sah es anders aus. Denn Christel hatte es unmöglich über das Herz bringen können, den Gebrauch noch vieler Deutschen nachzuahmen, welche die Gestorbenen sogleich aus ihrem Bette reißen, und mit kaum zugedrückten Augen und kaum verbundenem Munde nackend auf ein Brett legen, darauf schon die halbe Stadt oder das halbe Dorf gelegen hat, und dann die Aermsten, zur Dauer für die Würmer, wo möglich in ein finsteres kaltes Gemach stellen, bis zum Tage ihrer Einkleidung für die Gruft. Die herzige Mutter hatte dagegen ihr Kind, nach schicklicher Ruhe, sogleich schön gewaschen und angezogen, ihm über die Bettchen seiner Wiege — worin es noch geschlafen — ihr feinstes weißes Tuch gebreitet, und das liebe Mädchen darauf gelegt. Selbst der Kranz von rothen und blauen Astern schmiegte sich schon wehmüthig-schön um das theure kleine Haupt. Und wie es die Mutter so ansah, that ihr sonderbar genug recht eigen leid, daß die Kleine mit einer gefallenen und noch ungeheilten Wunde auf der Stirn in das Grab gelegt werden sollte; wie ein Maler sein eben vollendetes Werk gern recht sauber und ohne Stäubchen aus seinen Händen giebt, es noch einmal zurückverlangt aus den Händen des Empfängers, es genau überblickt, noch ein Sonnenstäubchen vorsichtig von dem goldenen Rahmen haucht, und dann lächelnd und zufrieden es auf immer dahin läßt und spricht: „Nun, so!“ — Christel aber, welche die Wunde nicht hatte weghauchen oder wegküssen, noch mit Thränen wegwaschen können, hatte sie unter eine Blume versteckt — schüchtern sich umgesehen, als ob ihre redliche Seele Jemanden getäuscht habe, und leise gesagt: „Nun, so!“

Zu den Kindern aber hatte sie gesagt: „Meine Kinder, seht euch noch an eurem Schwesterchen satt! Ihr habt sie nur noch, bis zweimal die Sonne untergeht — dann seht ihr sie lange nicht wieder!“ — Und so hatten die Kinder ihre Weihnachtswachsstöckchen aus ihren Schränkchen hervorgeholt, sie in lauter kleine Lichter zerschnitten, sie zu Häupten der Wiege an den Tischrand geklebt, angezündet — alle auf einmal — und nun waren die goldgeschmückten Lichtlein in Kurzem alle auf einmal niedergebrannt, und sie weinten nun, daß es würde finster sein, und sie ihr Schwesterchen nicht mehr sähen. Die Mutter hatte den Schaden gut gemacht durch angezündete Lichter. Aber Sophiechen war über das Weinen eingeschlafen; und Gotthelf war müde und hungrig eingeschlafen und hatte sich nicht getraut, heut von der Mutter ein Abendbrod zu bitten. Und so lagen die lieblichen Kinder alle drei wie vom Schlafe gelöst, noch mit den Gesichtern zusammen; zweien davon blühten die Wangen rosig und sie athmeten leis, aber ihre Haare waren unbekränzt — dem dritten aber blühten die Wangen von einem tiefern Schlafe weiß und rein, und es bedurfte die Erde zu keinem Athemzuge mehr; aber seine Härchen waren bekränzt. Christel aber hatte dem Mörder des Kindes, nachdem er nothdürftig verbunden worden, ihr eigenes Bett eingeräumt; er lag auf demselben; und wie sie jetzt vor ihm stand und ihn ansah, seufzte sie schwer darüber, wie sehr er sie beraubt habe, und sprach, nun ihn deswegen aus tiefer Seele bedauernd: „Armer, armer Mann! Armer Sebast-Janow!“ Denn St. Etienne hatte seinen Namen in seinen Sachen aufgezeichnet gefunden und ihr ihn gesagt. St. Etienne hatte ihr aber auch zum Abschied und zum Troste ein Bildniß dagelassen, welches er dem Sebastianow, als dessen Raub und nun seine Beute, mit abgenommen, und welches Christel hatte annehmen müssen, aber noch nicht angesehen, ja nur hingelegt; er aber hatte es ihr an dem goldenen venetianischen Kettchen hingehangen. Denn das Bildniß hatte unläugbare Aehnlichkeit mit der kleinen Tochter Clementine. Christel drehte das funkelnde Geschmeide jetzt kaum neugierig um — aber sie sahe die Brillanten daran nicht vor Ueberraschung: denn das Bild stellte ihre Schwester Martha dar . . . . Niemand anders hatte es getragen, als ihre Dorothea, welcher es der Vater Paschalis geschenkt . . . Dorothea hätte es lebend Niemandem von ihrem Herzen gegeben . . . es war ihr also nur gewaltsam geraubt . . . und Christel trat hastig drei Schritt nach der Thüre zu. Aber wo wollte sie hin? Was konnte sie ändern? Sie war in der Stimmung, worin sie aus Noth und Tod, aus Vertrauen und Liebe von aller Welt das Beste hoffte. Und mit ganz anderem Sinn stellte sie sich wieder vor den verwundeten Sebastianow und sprach jetzt mit Thränen: „Armer, armer Mann!“ — Aber die Worte zerschnitten ihr Herz. Sie blickte auf ihr Kind; sie küßte alle drei schlummernde Häupter; sie setzte sich zu ihnen, und eines davon schlang in halbem Schlafe — die Mutter ahnend — sein Aermchen um ihren Nacken und wandte sich um, ohne aufzuwachen.

Dem weinenden Paschalis aber war zu Muth, als sähe er in die seligen Gefilde eines Mährchens: oder als sei ihm jetzt erst die Welt zu einer großen heiligen Wundergrotte geworden; oder die Welt sei schon lange, lange undenkliche Zeit der Zaubersaal des Gottes, in der That und unläugbar; und es bedürfe nur Augen der Seele dazu, es zu sehen, daß er das sei; und nun dachte er, daß sich der himmlische Vater freuen müßte, wenn auch Er das Alles sähe: — Eine gute Menschenmutter in ihrem heiligen Schmerz! Ein Weib, das freilich keine Unsterbliche sei, und bald selbst auch von der Erde verschwinden werde; aber daß hier ja keine Unsterbliche zu sein brauche, um alles Menschliche richtig zu thun und zu leiden, und das als Sterbliche eben noch wunderbarer daliege, wie in einem Mährchen, mit dem Haupt neben den kleinen Häuptern der drei schlummernden Kinder! Und wenn Er sähe: Gute Kinder voll Liebe, Leid und Mitleid — welche schöne Gefühle alle in ihrem engen Geiste nur Traum seien . . . . und einen guten Vater, der um alle still und schweigsam besorgt war; vor allem aber: den Großvater, der alle um ihrer Liebe willen liebte und um ihrer Schmerzen willen litt, aber auch für alle gefaßt war und thätig — denn sein eigenes Leben hatte er überstanden und gleichsam zugemacht wie einen schönen Bildersaal, und ihn kümmerte nur noch das Leben und Glück der Seinen. Paschalis aber dachte nicht nur, er glaubte, er empfand, daß der himmlische Vater zugleich mit ihm, und doch ganz anders, in das Stübchen sähe; und er kehrte sich vor unerträglicher Seligkeit des reinen Menschenlebens ab; denn Verzweiflung ergriff ihn, und er — niesete wieder!

„Ei, meine allerbeste Gesundheit! und zugleich meinen allerschönsten guten Abend, theuerster Abgebrannter und Herr Paschalis!“ sagte Wecker, der still gekommen. „Nicht wahr . . . ein himmlischer Guckkasten, worein Sie beliebten zu sehen! Ein trauliches stilles Hirtenhäuschen — das eben ruht; nur die Papierwände freilich etwas groß von himmelblauem Himmelspapier! Aber still . . . da kommt ihre Tochter, unsere Dorothee — was ein wahres Glück ist! Denn gewisse Leute können sogar mit allen zerschmetterten Gliedmaaßen — nicht — füglich — mehr — wandeln — — am wenigsten anhero!“ — Und, um seinem Wohlthäter auf eine unverständliche Weise zu verstehen zu geben, wie er ihm heut vergolten habe, setzte er hinzu: „Denn heute habe ich alter Mann — wie Sie mich hier sehen — eine gleich große schöne Jungfrau geschaffen! Mit diesen dürren Meisterhänden! Ja ihr auch eine neue Seele in ihre eigene Rippe geblasen — denn Eva war eine Rippe — aber Adam’s, wissen Sie — wie ich weiß — können Sie denken! Der Mann bin ich.“

O Wecker, wenn Ihr das könntet! sprach Paschalis leise, und zog ihn still um die Ecke des Hauses in’s Düstre; und Dorothee ging darauf langsam hinein zu Christel.

Johannes aber, von einer andern Seite kommend, brachte schon wieder etwas Neues: die Ansagung von zwanzig Mann Einquartirung auf ihr Haus, und schon diese Nacht! Beide wurden dadurch gehindert zu sehen, wie Dorothea sich bei Christel bezeigen würde, und zu hören, durch welch ein Wort sie sich vielleicht errathen lasse. Denn auch ihrem Vater war ihre plötzliche Verwandlung in’s Tiefe, Abgeschlossene, Finstre, Verschwiegene, Qualvolle und Weltverachtende selbst ein Räthsel, wenn er auch ohngefähr vermuthen konnte: was sie gethan. Denn auch gethan hatte sie etwas, ja ein Grausames und Schreckliches. Aber das behielt er als Vater für sich, und niesete nur auch jetzt wieder auf diese neue Nachricht, Wecker wünschte aber diesmal sein höflichstes: „Gotthelf!“ wozu Paschalis nur leise verneinend den Kopf bewegte.

Hoho! sagte Wecker, kann auch der nicht mehr helfen!