„Die schlafende Clementine hat sie angesteckt!“ meinte Paschalis, zu welchem Daniel jetzt bescheiden trat und ihn frug, was für einen Text aus der Bibel, die er ihm hinhielt, er auf dem Kreuze der kleinen Schwester zitiren solle?
Und Paschalis nahm das Buch, setzte sich an das Kaminfeuer, blätterte, seufzete, las, blätterte wieder und sagte ihm endlich: „Lieber Daniel, hier! Zitire Deinen Namens-Vater Daniel oder das sechste Capitel aus dem Buche der Weisheit, das paßt jetzt auf alle Welt. Denn die Schrift ist für alle Zeiten geschrieben, und jeder Mensch und jedes Jahrhundert findet seine Lehre, und sein Urtheil darin. Gebe nur endlich Gott, daß die ganze Welt zusammen nur Einen Vers daraus hält, als etwa gleich diesen!“ — Er wollte Einen sagen, aber seine Leiden verwandelten ihm die Worte im Munde und er sprach, zu aller Verwunderung diese: „Ach, daß ich wüßte, wie ich ihn finden, und zu seinem Stuhl kommen möchte, und das Recht vor ihm sollte vorlegen, und den Mund voll Strafe fassen, und erfahren die Rede, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde!“
Und Wecker sprach leise zu den Andern: Stille, stille! Er meint den lieben Gott! Er ist jetzt Hiob! Laßt ihn schlafen; er senkt schon sein Haupt auf die Brust. Setze Dich neben ihn, Daniel, und nimm ihm nachher die Bibel leise aus seiner Hand, damit er nicht aufweckt, wenn sie zu Boden fällt! Ich aber übernehme das diesmal leichte Colfactoramt am Kamin, und will — nicht mehr anlegen! So wird ihm der Kopf nicht noch heißer vom Feuer! Lasset ihn schlafen, und ruhet Ihr auch!
Und so setzte er sich hin. Das Feuer erlosch nach und nach, und es ward trauliches Dunkel und heimliche Stille im warmen Zimmer, und die Sterne schienen herein zu den Schlummernden.
V.
Als aber der Mond purpurhell aufgegangen, und alles zu der kurzen Reise besorgt war, trug Johannes seine schlafenden drei Kinder in Paschalis Wagen — nicht ahnend: daß er Keines mehr wiedersehen würde. Und so war er froh, als er den Daniel aufgehoben, ohne daß er aufgewacht war, und ihm und sich nicht den Abschied erschwert, oder das Scheiden wohl gar unmöglich gemacht, wenn er gar so sehr gebeten hätte: bei Vater und Mutter zu bleiben und versprochen, Alles zu thun und zu dulden, was über sie käme. Daniel aber war doch halb wach, und redete im Schlafe, weil er während des Tragens doch merkte, daß etwas mit ihm vorging, und erzählte seinen Geschwistern im Traume, ohne die Augen zu öffnen, das Mährchen: „Die sieben Raben,“ und fuhr jetzt laut darin fort: „Nun ging das Schwesterchen immerzu, weit, bis an der Welt Ende, um seine sieben Brüder zu finden. Da kam es zur Sonne; aber die war zu heiß und fürchterlich und fraß die kleinen Kinder; eilig lief es weg, und hin zum Mond; aber der war gar zu kalt und auch grausig und bös; und als er das Kind merkte, sprach er: „ich rieche Menschenfleisch! ich rieche Menschenfleisch!“ — Diese Worte klangen aus eines Traumredenden Munde, in der Mondnacht und in der Nähe des todten Schwesterchens zauberhaft-ängstlich, und Johannes war herzlich froh, als er seinen Knaben glücklich hingelegt, und Daniel sagte nur noch: „da machte es sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut. Der Morgenstern aber stand auf . . .“
Damit schwieg er. Die jüngern Kindern aber, Sophiechen und Gotthelf ängsteten den Vater nicht so, da sie fester schliefen; und nur Sophiechen hatte ihn fest um den Hals gefaßt und wollte die Arme nicht wieder wegnehmen. Johannes aber löste sie ihr langsam und legte sie ihr in den Schooß, und die Hand des Brüderchens darein, als sei es die Mutter. Und so, vom Mondlicht beschienen, sahe er seine Lieben noch einmal an, und Freude durchwallte sein Herz, sie in Sicherheit zu schicken, und empfand schon, wenn nicht ihr Glück, doch ihr Leben in der nächsten Zukunft, welche für ihn selbst, seine Kinder und ihrer Kinder und Kindeskinder fernste Zukunft war. So täuschte ihn sein Gefühl, und Ahnung künftiger sicherer Tage beglückte ihn.
Obgleich Paschalis gern versprochen hatte, für alles zu sorgen und es neu und gefällig anzuschaffen, was die Kinder bedürfen könnten, so brachte doch Christel zuletzt noch ein Körbchen mit den bekannten Spielsachen der kleinen Kinder, „damit sie doch gleich in der neuen Stadt ihre alten lieben Bekannten sähen und fänden, und glaubten zu Hause zu sein, wenn sie in ihren Spielen Vater und Mutter vergessen hätten; so gut wie die Kinder ja oft auch daheim lieber ihre Bilder, ihre kleinen Teller und Schüsseln und Becher und Fläschchen und ihre Hochzeiten und Kindtaufen, selbst Vater und Mutter stundenlang vergessen. Und sagt nur immer: „ich komme Morgen!“ sprach sie zuletzt zu Paschalis; und ich komme heimlich so bald ich kann. Da soll Freude sein in Mainz!“ —
Als aber die Wagen langsam fortgefahren und nicht mehr zu sehen waren, fiel Christel ihrem Johannes um den Hals und weinte. Und er sprach: Ja, meine Christel, das ist eine schreckliche Zeit, die die Menschen am Leben hindert, an Arbeit und redlicher Sorge für die Seinen. Aber sie sind in guten Händen; die Stadt ist nicht weit — und wir haben ja noch ein Kind — das auch in guten Händen ist! Komm hinein!
Und während jetzt, beim Einmarsch der Soldaten ins Dorf, die Trommeln wirbelten, gingen sie ruhiger Hand in Hand hinein; denn sie waren bei einander voll Unschuld und Muth und Vertrauen und Schmerz, und glaubten dem allgemeinen Elend ihr Opfer gebracht zu haben, und zwar ihr Liebstes. Was sollte noch Schlimmeres kommen, was Theuerers von ihnen gefordert werden? — sie fühlten das nicht, denn sie hatten sich, und rechneten sich beide für Eins.