St. Etienne, Christels unerkannter Bruder, trat jetzt bei ihnen als Sergeant mit 20 Mann ein, und meldete sich mit kurzen Worten diesmal als — Werber. Er hatte Vollmacht, aus jedem Hause alle gangbaren schießfähigen und erschießensfähigen Mannspersonen zu nehmen — ausgenommen den einzigen Wirth oder Stamm des Hauses. Selber Weckern hatte er gedroht in den Soldatenrock zu stecken, da er keine Wirthschaft, keine Schule, keinen Kix noch Kegel habe. Und wenn er nicht recht bei Verstande scheine, das sei eben recht! Selbstdenker brauche sein Herr nicht zu Soldaten; die Dummen raisonnirten so gut wie gar nicht, oder nur Dummes; und ein Verrückter werde, wenn er auch noch so Wahres fasele, billig für verrückt gehalten, und dürfe frei reden, was er wolle, weil ihm die Natur das Patent dazu gegeben. Eine Million Wecker, hatte er gesagt, und der Kaiser ist durch! Die Raisonneurs aber, die Besserwisser und die Anderswoller würden ihn als Vogelscheuche allein im Felde stehen lassen mit einer Flinte aus einem Stocke und einem Säbel von Span. So hatte St. Etienne sich zornig geredet und sich gelobt, Keinen zu schonen, sondern jeden Brauchbaren aus dem ja so bald von dem Feinde besetzten Lande herauszuziehen und dem Kaiser hinüber zur Hülfe zu schleudern, damit der Geschonte nicht sein Feind werden könne. Denn das unterstehe sich jetzt jeder Hasenfuß. —

Wecker kam über die Rede ergrimmt und erschrocken in die Küche zu Christel, die ihn seinetwegen tröstete, aber selbst erschrak, als sie darauf hineinkam mit dem Frühstück, das sie ihren Gästen freundlich brachte, denen sie alles, für die Ihren Gesparte, ohne Entgeld oder Dank dafür, hinzugeben verbunden war — denn „der Herr bedarf sein,“ wie Wecker dem Rechte den Titel gab. Sie erschrak, lächelte aber gefaßt und blickte St. Etienne endlich gar lachend an, als sie ihren Johannes im Soldatenrock und einem Chacot mit hohem rothen Stutze zugleich mit am Tische sitzen sah.

So gefällt mir mein Mann! sprach sie zu St. Etienne. Aber ich bitte Euch, zum Scherz sei’s genug! Gott sei Dank, daß die Kinder nicht da sind! Die schrien sich todt, und Daniel fiel Euch zu Füßen, wenn er in seines Vaters Hand „ein Pasquill auf das fünfte Gebot“ sähe, wie unser Wecker einen Säbel oder eine Flinte nennt! Eine Kanone aber nennt er gar den letzten Verstand[*)] der Menschheit. Pfui Johannes, ziehe Dich aus!

[*)] ultima ratio.

Und Wecker trat auch herzu und fragte St. Etienne: „Weß ist der Rock und das Bandelier?“

„Des Kaisers!“ sprach der Sergeant.

„Nun so gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte, was Gottes ist!“ verlangte Wecker.

Christel wollte ihrem Johannes nun helfen, die im Scherz ihm aufgeredete Soldatenmaskerade wieder abzuthun. Der Sergeant wehrte ihr aber und sprach: Es ist nicht leerer Scherz; es ist voller Ernst, des Kaisers Ernst und meiner. Ihr habt noch den alten Frommholz zum Wirth — und euern Wecker zum Voigt in dem Bischen Wirthschaft: der Daniel wächst auch heran — und wie Ihr weint, mein junges hübsches Weib, so haben schon Viele geweint in aller Welt, und Viele schon aufgehört in aller Welt, und so fügt Euch darein in dieser Welt. Gebet dem Landesherrn, was des Landesherrn ist — und Er hat gesagt: „Der letzte Thaler und der letzte Mann ist mein!“

— Es ist Etwas Majestätisches um Einen großen Mann, sprach Wecker. „Denn die Erde ist des Herrn und alles, was darinnen ist. Er sitzet über dem Kreis der Erden, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken! Der die Fürsten zu nichte machet, und die Richter auf Erden eitel machet: als hätte ihr Stamm weder Pflanzen, noch Saamen, noch Wurzel in der Erden; daß sie, wo ein Wind unter sie wehet, verdorren, und sie ein Windwirbel wie Stoppeln wegführt.“

St. Etienne hatte das betroffen angehört, denn es klang gewaltig, und er sprach lächelnd: Das kann kommen! Den König von Westphalen hat schon der Wirbelwind fortgeführt.