Grenoble, den 20. Juni 1788.
Teuerste Marquise. Meine Reise in den Elsaß wurde im vergangenen Jahre durch die Kriegsunruhen vereitelt; in diesem Jahre wäre sie durch den Krieg im Innern beinahe wieder verhindert worden. Ich habe Tage erlebt, die sich nicht leicht vergessen lassen und den Soldaten mit dem Bürger in mir in schwere Gewissenskonflikte gerissen haben.
Wir hatten in Paris erfahren, daß die Registrierung der neuen Edikte in der Dauphiné selbst mit Hilfe der Bajonette auf bewaffneten Widerstand der Bevölkerung stieß. Der Kommandant, der Herzog von Tonnerre, bat um Hilfe. Ich wurde zur Rekognoszierung nach Grenoble gesandt. Kaum war ich angelangt, als erschreckte Landleute die Straßen füllten.
»Das ganze Gebirge ist in Aufruhr,« erzählten sie; »Männer, wie Wilde, in Lederjacken und geschnürten Schuhen, mit Sensen und Dreschflegeln, Mistgabeln und Stöcken bewaffnet, steigen in hellen Haufen von den Bergen –« Ich alarmierte die Besatzung, aber es war zu spät; schon drangen Scharen abenteuerlicher Gestalten, Leute wie Riesen mit langen wirren Bärten in die Stadt. Der Herzog von Tonnerre, den sie in seinem Palais überfielen, wurde schwer verwundet; der General Joucourt, der zur Hilfe gerufen worden war, meldete sich krank, und der erste Offizier, dessen Truppe den Angreifern gegenüberstand, warf den Degen fort, breitete die Arme aus und rief: »Wir schießen nicht auf unsere Väter und Brüder!«
Es war eine verzweifelte Situation, der wir erst nach einigen blutigen Zusammenstößen Herr geworden sind. Aber wir fühlen uns wie in Feindesland; der kleinste Bursche zeigt seine Vaterlandsliebe, indem er vor jedem Uniformierten die Zunge ausstreckt.
Sie kennen meine Ansichten und werden begreifen, daß ich dem Befehle, nunmehr im Elsaß den Manövern beizuwohnen, mit Freuden folge, nur um hier nicht weiter den Schergen des Absolutismus spielen zu müssen.
Ich bin nächsten Monat in Straßburg und werde mir von da aus gestatten, Ihnen in Froberg meinen Besuch zu machen.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
Versailles, den 10. August 1788.
Allerschönste. Eine Zeichnung Guiberts macht die Runde in Versailles: unter dem düsteren Torbogen einer Burg steht die zarte Elfengestalt eines reizenden Weibes; weich fließt das weiße Kleid um ihre schlanken Glieder, aus dem schmalen süßen Gesichtchen glänzen übergroße erschrockene Kinderaugen. »Delphine« steht darunter – mitten in einem flammenden Herzen!