Den 28. April.
Acht Wochen sind es her, seit ich zuletzt in mein Büchlein geschrieben. Nun ist alles vorüber. Ich mußte doch früher in die Anstalt, als bestimmt war; die Niederkunft kam etwas zu früh.
Es war furchtbar! Zuletzt habe ich gar nichts mehr davon gewußt, ich war besinnungslos. Und das war gut. Es wäre vielleicht auch besser gewesen, wenn ich gar nicht wieder zu mir gekommen wäre, ist doch auch mein Kind tot. Sie sagen wenigstens so. Aber ich glaub' es nicht, sie machen alle so sonderbare Gesichter dabei. Als ich fragte, ob es schon totgeboren sei, sagte die Schwester ja. Und als ich Frau Martin gestern fragte, wie lange es gelebt habe, da sagte sie, sie wisse es nicht genau, einige Stunden nur.
Das widerspricht sich doch!
Ein Knabe ist es gewesen. Mein Kind! Wie mir zumute ist bei dem Gedanken. Ich habe früher wohl oft gedacht, es sei besser, wenn es tot wäre, und nun möchte ich es doch so gerne haben. Ich würde es doch sehr liebhaben.
Wenn ich nur die Wahrheit wüßte! Aber wer wird sie mir sagen?
Seit gestern bin ich nun wieder bei Frau Martin. Ich sehe jetzt wie ein Junge aus, ganz kurze Haare habe ich. Das kommt von der Krankheit, sagt Frau Martin, da gehen einem immer die Haare aus. Ich bin sehr krank gewesen, Kindbettfieber! Es soll sehr schlimm sein, und manchmal haben sie nicht gedacht, daß ich durchkommen würde. Großmutter ist lange bei mir gewesen, ich hab's aber nicht gewußt.
Ich bin jetzt sehr mager und blaß, und Frau Martin sagt, ich sei noch gewachsen. Das ist ja auch gut möglich, mit sechzehn Jahren kann man noch lange wachsen.
Morgen will ich an Vater schreiben, damit er mir Rudolphs Adresse schreibt. Ich hätte es schon früher tun sollen, denn Großmutter sagt's mir doch nicht. Wir müssen doch nun bald heiraten.