Mir ist ganz sonderbar bei dem Gedanken. Ich weiß nicht – das alles liegt mir jetzt so weit ab – so gar nicht mehr, als ob ich die wäre, die in jenen schwülen, duftschweren Sommertagen heimliche Wege gewandelt. Mein Blut ist so ruhig, und wenn ich an Rudolph denke, ist mir gar nicht mehr sehnsüchtig zu Sinn. Es ist schrecklich! Ich glaube zuweilen, er ist mir ganz gleichgültig. Ich verstehe mich selbst nicht. Denn das ist doch unmöglich! Ich muß ihn doch heiraten! Oder muß ich vielleicht gar nicht? Könnte ich doch einmal mit der Großmutter sprechen! Lange bleibe ich nicht mehr hier; im Walde unter meinen schönen Bäumen kann ich mich viel besser erholen. Gibt es ein schöneres Plätzchen, als unter meinen geliebten Tannen? Ich könnte Ziegenmilch trinken und weite Spaziergänge machen. Wo geht es sich schöner, als auf den schmalen moosgepolsterten Pirschwegen, zwischen den schlanken Stämmen der Kiefern, wo es so kühl und rein ist! Ich will schreiben, sie sollen mich heimnehmen, sonst werde ich wieder krank. — — —
Ich habe viel zu schreiben diesmal. Ob ich noch alles genau weiß?
Schon acht Tage nach meiner Entlassung aus der Anstalt holte Großvater mich nach Hause. Sie waren noch immer sehr gut zu mir, alle beide. Viel zu gut, ich weiß es wohl. Aber Großmutter sagt, ich sei zu jung und unerfahren gewesen, und Rudolph trüge ganz allein die Schuld.
»Muß ich ihn denn nicht heiraten, Großmutter?« fragte ich zagend.
»Ach Kind, das ist ja gerade das Schlimme. Er denkt nicht dran. Sein Vater ist doch gestorben, er hat nun zum Großvater gesagt, er müsse seine beiden Schwestern auszahlen, könne also nur eine reiche Frau heiraten. Ein Landwirt, der kein Geld in den Händen habe, könne sich nicht lange halten.«
Einen Augenblick saß ich ganz still, ich wußte nicht, sollte ich mich freuen oder sollte ich betrübt sein. Was aber nun? Wieder zum Vater? Der würde schön mit mir umspringen!
Aber das war noch nicht alles, was die Großmutter mir zu sagen hatte. Vater ist gar nicht mehr auf Neuhof. Die ganze Geschichte ist bald nach meiner Abreise zusammengebrochen.
Großmutter sagte: »Du bist zwar noch sehr jung, aber in Anbetracht aller Umstände und weil ich annehme, daß dich das, was du jetzt hinter dir hast, über deine Jahre hinaus gereift hat, so will ich dir erzählen, was du, wenn alles anders gekommen wäre, nie hättest erfahren dürfen.«
Und so erfuhr ich alles. Es wurde mir jetzt klar, was ich schon oft geahnt, wenn ich des Vaters Redensarten und Scheltworte hörte. —