Der Wirt stellte die Kanne hin und murrte, ohne jemand anzusehn: «In meinem Dorf haben sie den Leuten die Füße in das Herdfeuer gehalten.»

Er sagte nicht, wer; die beiden Hugenotten aber verständigten sich darüber stumm. ‹Wir wissen, daß wir oft nicht besser waren als Räuber!› Du Bartas bekam den enttäuschten, hoffnungslosen Ausdruck, mit dem er von der Blindheit und der Schlechtigkeit der Menschen zu reden und zu dichten liebte. Der junge Henri war nahe daran, auszurufen: Das habe ich dem Admiral längst vorgehalten! Aber unseren Glauben haben sie nicht: so hieß seine ganze Rechtfertigung, wenn wir geplündert hatten und gefoltert. An diesen Menschen hier ist zu sehen, wohin man kommt mit dem Streit um die Religion!

Indes, erstens war das Lästerung, sogar schon als Gedanke, und erschreckte den Sohn der Königin Jeanne im Tiefsten. Außerdem hoffte er, daß Du Bartas ihn wirklich nicht wiedererkannt hätte und nur zufällig hier wäre. Daher biß er sich in die Zunge und schwieg. Übrigens hielt der Wirt noch mehr Freundlichkeiten für sie bereit.

«Morgen früh muß ich zur Beichte gehn», knurrte er, ohne sie anzusehen. «Der Pfarrer hatte mir verboten, den Briganten zu essen und zu trinken zu geben. Seitdem so viele von ihnen sich in Paris breitmachen, greifen sie Christen an und belästigen Mädchen. Übrigens hat noch keiner von ihnen sein Geld sehen lassen. Da sitzt der erste, der kein Zechpreller ist», sagt er in einem Ton zwischen Kriecherei und Verhöhnung. Henri sprang vor Entrüstung von der Bank auf.

«Setzen!» fuhr Du Bartas ihn an. Wie unwahrscheinlich war es hiernach, daß er ihn erkannt hatte. ‹Ich armer kleiner Mann›, fühlte Henri, als wäre es wahr gewesen. Geschwärztes Gesicht, Falten und angegrauter Bart: dazu machte er sich auch die passende Stimme. «Aufgepaßt, Herr! Der rote Kerl hinter den andern zieht heimlich sein Messer.»

«Ich seh es», antwortete Du Bartas.

Der rote Kerl versuchte, gedeckt von den anderen, die Ecke zu verlassen. Der Kleine, der kaum über den Tisch sah, lenkte die Aufmerksamkeit von ihm ab, er krächzte: «Der Junge der Krämerin ist verschwunden!»

«Die Hugenotten schlachten Kinder», erklärten die anderen ihm, scheinbar unbekümmert um die Fremden. «Es ist bekannt, sie verüben Ritualmorde.»

Dies wäre schwerlich gut abgegangen, aber neue Gäste trafen ein: Hugenotten, darunter zwei aus seinem berittenen Haufen. Henri kannte ihre Namen und ihre Kriegstaten. Ihre beiden Begleiter sahen verwegen aus: Schnapphähne hätte man sagen müssen, wären sie nicht von der Religion gewesen. Hiermit waren die Bestände der Parteien auf gleich gebracht am Wirtstisch, infolgedessen gab der rote Kerl seinen verdächtigen Plan auf, und alle Waffen auf der anderen Seite verschwanden. Die beiden Reiter erklärten Du Bartas, daß sie, fremd in Paris, im Dunkeln auf zwei Glaubensgenossen gestoßen seien. Sonst hätten sie niemals ein Wirtshaus gefunden. Ihr Zustand schien im Gegenteil zu beweisen, daß sie schon mehrere hinter sich hatten, und gesittet war es dort nicht zugegangen, sie sahen zerrauft aus. Henri vergaß auf einmal den kleinen Mann, den er vorstellte, er herrschte die Reiter an. «Schnapphähne aufsammeln! Händel suchen! Ihr seid der Schandfleck unserer Partei!»

Darüber lachten sie kräftig, und Du Bartas stieß Henri scharf in die Rippen, wodurch ihm bewußt wurde, daß er im Verhältnis zu seinem Aufzug sich allerdings komisch benahm. Daher schwieg er und ließ sie machen. Sie klimperten aber mit Geld in ihren Taschen, legten einiges im voraus auf den Tisch und verlangten dafür die Hühner, die lange genug gewendet schienen, so schön goldbraun glänzten sie. Herrn Du Bartas und auch den spaßhaften kleinen Alten luden sie großherzig mit ein zu dem Essen — schlangen es dann aber merkwürdig schnell hinunter, horchten dazwischen auch wohl auf entfernte Geräusche. Für die Aufmerksamkeiten der Mägde fehlte es ihnen ganz und gar an Zeit. Kaum gesättigt, machten sie sich davon, Reiter und Schnapphähne. Zuerst hörte man sie leise auftreten, etwas später entstand Getrappel wie von Laufenden.