Hierüber lachten sie zusammen hinter den drei Fuß dikken Mauern, bis sie genug hatten. Dann machte Henri sich auf den Weg, kam richtig durch den Torbogen, in dem die Wache Karten spielte: er brauchte nur «Schinken» zu rufen. Auf der Brücke nahmen sie es genauer, ließen ihn den Sack ausräumen und behielten den Schinken.

«Jetzt pack dich, alter Ketzer, nach dem Wirtshaus, wo deine sogenannte Schwester als Magd dient!»

Draußen humpelte der junge Henri gebückt, als trüge er Ziegelsteine, und da ihm in der Straße Österreich durchaus niemand begegnen wollte, nahm er, immer humpelnd um der reinen Kunst willen, mehrere dunkle Ecken, bis in einer der unbeleuchteten Gassen ein schwach erhelltes Erdgeschoß erschien. Die menschlichen Schatten und der Gesang kündeten von weitem das Wirtshaus an. Sowohl das Haustor als die Tür des Gastzimmers standen halb auf, wegen des Rauches vom Kamin, worin ein Spieß mit Hühnern gedreht wurde. Eins der Mädchen versah dies Amt, während die beiden anderen einschenkten oder den Gästen auf den Knien saßen und mit ihnen sangen. Der Wirt schlug Takt zu dem Lied. Er sah aus wie ein Bauer, in seinen Kleidern hing Stroh. Die Gäste waren bewaffnet, auch ein ganz kleiner, der krächzte. Es war ein munteres Liedchen von einer unvorsichtigen Magd, die einem Hugenotten nachgegeben hatte wegen seines hübschen Knebelbartes, aber was kam dabei heraus? Ein Kind, das nicht getauft werden konnte, denn es brachte einen Pferdefuß mit zur Welt, und nicht lange, so drehte es seiner eigenen Mutter den Kopf um, bis das Gesicht hinten saß!

Die brennenden Scheite dort unten waren die ganze Beleuchtung; der Lichtschein flackerte um die lärmenden Mäuler, aber quer über die Stirnen lag ein Balken Dunkelheit. Henri, der von draußen zusah, bekam durchaus den Eindruck von Tierfratzen und einer Höhle der Dummheit. Ihn überkam Widerwille an seiner Rolle als kleiner Mann. Andererseits war es reizvoll, allein und ohne Waffen unter diese wohlgezählten sechs Kerle zu treten. Da wurde er ohne Umstände beiseite geschoben von einer sehr langen Persönlichkeit, die auch gleich eintrat und laut guten Abend wünschte. Er erkannte die tiefe Stimme und noch mehr die Gestalt: dem braven Du Bartas half es nichts, daß er Henri den Rücken zuwendete. Er sagte: «Ich komme, um euer schönes Lied besser zu hören.»

Sie waren sechs, aber nur der Kleinste erwiderte etwas, hinter dem schweren Eichentisch hervor.

«Du bist grade lang genug, lang mir doch eine Wurst von der Decke!»

Du Bartas faßte wirklich hinauf. «Nur, wenn du ganz allein noch einmal das Lied von dem Hugenottenkind krächzest.»

Der Kleine hütete sich, aber eine der Mägde hängte sich an den Arm des großen Hugenotten und versicherte ihm: «Du bist in dem Lied nicht gemeint. Schließlich darf man singen, oder ist es verboten? Wenn du mir zufällig ein Kind machen würdest, ich fürchte nicht, daß es einen Klumpfuß hätte.» Und hierüber kreischten alle drei Weiber. Die Männer verhielten sich düster hinter dem Tisch, verzogen auch nicht die Miene bei dem, was der Wirt tat. Dieser Bauernlümmel schlich hinter dem Rücken Du Bartas’ zum Feuer, ergriff einen angeglühten Knüppel und schätzte nur noch ab, wo er den Ketzer am sichersten träfe. Das war der Augenblick für Henri: schnell hervor, den Kerl beim Handgelenk gepackt und einige Reiser aus seinem Sack an das Scheit des verräterischen Wirtes gehalten, worauf er sie brennend umherschwenkte vor der bösen Fresse, so lange, bis der Geängstete sein Holz zurück ins Feuer warf. Dann ließ Henri die Reiser zu Boden fallen.

«Lauf, Kerl, bring dem Herrn deinen Wein, und womöglich keinen sauren! Mir ist das Geld ausgegangen, oder nimmst du noch mehr Holz in Zahlung?»

«Trink mit mir», sagte Du Bartas wie zu einem alten Kameraden. Sie setzten sich an das freie Ende des Tisches zunächst der Tür, und zwischen ihnen und den anderen Gästen des gemeinen Wirtshauses lag derselbe gehässige Zwischenraum wie vorher an der Tafel des Königs, in seinem Schloß Louvre.