‹Und vielleicht, weil Sie zu oft haben plündern lassen›, setzte Henri für sich hinzu, in der Erinnerung an das gemeine Wirtshaus. Welch ein Übermaß von Haß mußte sich angehäuft haben in den Menschen desselben Volkes — nicht gegen die Religion, sondern gegen ihre Bekenner, wenn ein bäurischer Mann aus seinem Kamin den glühenden Scheit reißen konnte in mörderischer Absicht, nur weil sein Gast ein Hugenotte war!

«Dahin hätte es niemals kommen dürfen», sagte er. «Wir alle sind Franzosen.»

Coligny antwortete: «Die einen aber erwerben sich den Himmel, die andern die Verdammnis. Das soll bestehen bleiben — so wahr die Königin, Ihre Mutter, dieses Glaubens lebte und gestorben ist.»

Der Sohn der Königin Jeanne senkte die Stirn. Es gab nichts zu erwidern, sobald der große Mitstreiter seiner Mutter sie ins Feld führte. Die beiden, der Alte und die Tote, standen zusammen gegen ihn, sie waren Zeitgenossen und von der gleichen unerschütterlichen Festigkeit der Meinungen. Darum waren sie bis zuletzt bei Hof aufgetreten so heftig und unversöhnlich, daß ein Unglück hatte geschehen müssen. ‹Wie dann aber? So träfe meine liebe Mutter selbst die Schuld an ihrer Ermordung? Nein, nein! Viel lieber soll es ihre Lunge gewesen sein, und Madame Catherine hat ihr kein Gift gemischt.›

In diesem Augenblick rückte seine Schwester den Handleuchter zwischen ihn und den Herrn Admiral: sie mochten genau ihre Gesichter sehn, viel hing davon ab, daß sie einander verstanden. Nun erblickte aber der junge Henri einen Greis, anstatt des Kriegsgottes, den er gekannt hatte.

Der Admiral Coligny war unanfechtbar und wie aus einem einzigen Stück Erz gewesen für den jungen Henri. Nicht daß er immer gesiegt hätte, das war nicht der Fall; aber er war der Krieg in Person, und von dem höchsten der Kriege, dem Glaubenskrieg, hatte er die Maske getragen, eine mehr als menschliche Bildung der Züge, ihresgleichen fand sich nur auf den Figuren außen an Kathedralen. So für den Knaben Henri, alle Jahre hindurch, sogar wenn er sich Kritik erlaubte an dem Feldherren. Das war vorbei mit einem Schlag, und statt aller denkmalhaften Frömmigkeit und Kraft zeigte sich hier aufgedeckt der endgültige Mißerfolg des Lebens, der Alter genannt wird. Da behauptet einer sich noch, aber die Augen blitzten kaum, mürbe schienen die Wangen, sogar der Bart ungleich — und nur diese Falten, von der Nasenwurzel ansteigend bis in das Gewölk der Stirn, widerstanden. Ob noch Hoffnung auf Sieg war oder nicht, der Held blieb bereit wie je, das Opfer des Lebens zu bringen für Gott.

Fremder alter Mann, aber er war der Gefährte seiner lieben Mutter gewesen und hart getroffen worden durch ihren Tod — in Wahrheit härter als ihr eigener Sohn, der über sie hinauslebte und mit ihr nicht endete.

«Ist sie gut gestorben?» fragte er bescheiden.

«In Gott, wie ich zu sterben hoffe.» Eine Art von Ablehnung bedeutete der Ton. Ich, gab Coligny zu verstehn, bald bin ich bei ihr. Du, junger Mensch, bleibst zurück und entfernst dich von uns.

Henri fühlte es, er trat dagegen auf.