Henri hielt sein Gesicht in das Licht, damit Coligny sähe, daß es furchtlos war, nicht nur spottsüchtig aus Schwäche. Damals hatte er das ganze Profil des Gascogner Soldaten, gebogen, dunkel, schneidig — vorerst nur dies allgemeingültige Soldatenprofil, noch nicht die Prägung durch Schmerz und Wissen, und er sprach: «Ich sollte nach Paris gar nicht kommen oder als der Stärkere; das war der letzte Gedanke der Königin, meiner Mutter. Sie haben aber das protestantische Heer nach Hause geschickt, Herr Admiral, und mußten es auch; denn wer rückt wohl zu seiner eigenen Hochzeit mit Sturmtruppen an. Hier stehe ich! Sogar ohne Kanonen bin ich der Stärkere, so wie die Königin es gewollt hat, denn ich fürchte mich nicht, und ich zeige ihnen Haltung. Fragen Sie Madame Catherine und Karl den Neunten, die ich beide gezwungen habe, mir alle Schuldigkeit zu erweisen — oder fragen Sie einen Herrn de Maurevert, der mir die Hand küßt!»
Dies war die Rede des achtzehnjährigen Gascogner Soldaten, und sie steigerte sich sogar noch infolge des trauervollen Schweigens eines alten Mannes.
«Fragen Sie alle meine Altersgenossen, ob ihnen zumute ist nach Parteikämpfen im Namen der Religion oder nicht vielmehr nach einem gemeinsamen Sieg über Spanien. Unsere Aufgabe wird sein, dies Land zu einigen gegen seinen Feind: darin denken wir alle gleich, wir, die Jugend!» rief er aus, denn ein Wort wie «die Jugend» war hier der sicherste Angriff und der unbestreitbarste Vorzug. «Die Jugend», das waren nicht die verräterischen Gesichter bei dem Begrüßungsballett im Garten noch die streitsüchtigen an der königlichen Tafel. Es war eine Gemeinschaft, die für sich das Leben hatte, aber einem Alten billigten sie keines zu.
Außerdem nahm Henri von Navarra, später von Frankreich und Navarra, einen übersteigerten Augenblick lang hier schon vorweg, was seine Sache, nur seine war, und übertrug es in warmblütiger Art auf eine Gemeinschaft, «die Jugend», die es nicht gibt. Für seine Heirat mit der Prinzessin von Valois stimmten in Wirklichkeit seine eigenen jungen Freunde keineswegs: d’Aubigné nicht, Du Bartas und Mornay nicht, und weder der berittene Haufe, in dem er hergekommen war, noch im Lande die von der Religion. Das alles vergaß er hier in seiner gehobenen Verteidigung des eigenen Berufs. Er sollte im Verlauf der Dinge ungezählte Male ganz allein bleiben trotz Gedräng um ihn her, sollte verraten werden und selbst unsicher aussehen trotz innerer Festigkeit. Das alles wußte er nicht, sondern hielt dem Überlebenden des vorigen Zeitalters das kühne, aber noch ungeprägte Gesicht der Zukunft entgegen.
Zwischen diesen beiden wäre nichts zu sagen geblieben; es war an der Zeit, daß die Schwester Henris in den Lichtschein vortrat.
«Lieber Bruder!» begann sie mit ihrer rührenden Stimme, die geschwankt hätte, aber sie gab ihr Nachdruck, sogar den hohen erschreckten Endsilben. «Lieber Bruder, Sie werden ein großer König sein, ich werde mich vor Ihrem Bett verneigen.» Sonderbare Formel, aber hier sprach ein Glaube, der seinen eigenen beschämte. Den eigensinnigen Glauben der Mutter barg diese kleine steile und gewölbte Stirn. Etwas anderes sogar besaß seine Schwester: die genaue Anschauung — seiner einstigen Größe und der ihr selbst vorbehaltenen Gebärde, eine Kniebeugung vor seinem Paradebett. Inzwischen aber mußte sie wahre Nachricht bringen von ihrer Mutter.
«Sie war nicht bis zum Schluß gesonnen, daß Sie die Heirat eingehn sollten mit Madame Marguerite. Nein, Bruder! Denn unsere Mutter hat gewußt, daß sie vergiftet war.»
Oh! Wieder stürmisch dies Erschrecken. Henri wankte zuerst rückwärts, dann ließ er sich nach vorn sinken, die Stirn auf die Schulter seiner Schwester. «Welches waren ihre Worte?»
«Sie hat nicht mehr gesprochen, als Herr La Rochefoucauld Ihnen überbracht hat. Ich aber sage Ihnen wahrlich, daß unsere Mutter die Wahrheit gekannt hat und nur darum hinterließ, Sie sollten gar nicht oder als der Stärkere kommen.»
Es war unbezweifelbar — wenn es in diesem höchst gespannten Ton vorgebracht wurde und solange sein Erschrecken anhielt.