Das hinderte aber nicht, daß vor der Tür der Prinzessin Margot ihre beiden Kavaliere einander entgegentraten in einer Haltung, die auf Entscheidung drängte: den Fuß vorgestellt, den Rumpf so aufrecht wie möglich und mit äußerst wildem Gesicht. Bis hinten im Zug wurde es stiller, und die Frauen ließen sich hochheben, um sie auch zu sehen, den Navarra in weißer Seide, den Guise in blauer, wie sie sich anfauchten. Wäre er nicht der abgewiesene Freier gewesen, Guise hätte vieles vorausgehabt: die hohe Gestalt, gefährliche Geschmeidigkeit und böse helle Züge, um so erschreckender, je bezaubernder sie sonst gezeigt wurden. Indessen begegnet Navarra dem allem einfach dadurch, daß er es nachahmt. Mit seinen kleineren Maßen wird er dennoch ein großes Raubtier: er kann das. Zugleich aber macht er dasselbe Raubtier lächerlich — ganz nebenbei und doch vor allem. Reckt sich, biegt sich, setzt zum Sprung an und wird sogar hochblond, sollte man meinen, bekommt wehende gelbe Haare am Kinn, so genau ahmt er die feine nordische Aussprache Lothringens nach.
«Ich habe mit Dorfmädchen angefangen und mag jetzt nur noch die Prinzessin. Die Prinzessin hat mit Lothringen vorliebgenommen, bis sie Anspruch erhob auf Navarra.»
Noch übertriebener kann Guise selbst nicht reden, und sein großartigstes Auftreten ist von seinem Rivalen vorweggenommen: das setzt ihn außer Gefecht, nicht mitgerechnet das Gelächter der Leute. Es versucht auszubrechen, wird hier unterdrückt, dort losgelassen — plötzlich aber steht die eichene Tür offen, und die Prinzessin lacht. Sie lacht selbst, da lacht ungezügelt der ganze Hof.
«Wer ist nicht froh, wenn er zuletzt im Hafen liegt?» krächzt Karl der Neunte absichtlich heiser. Gelächter, die Prinzessin zieht ihren Gatten herein, die Tür fällt zu: Gelächter.
Eine Narbe
Sie hielten an und betrachteten einander, während in den Gängen, schon entfernter, der abziehende Hof lärmte. Schließlich bewegte er sich den gegenübergelegenen Flügel entlang, der Fackelschein sprang von einem Fenster in das andere; zugleich aber dämmerte der Morgen. Das Volk dort draußen konnte gar nicht anders, wenn es zu derselben Stunde aufstand in den Kähnen des Flusses, den Häusern am Ufer, es mußte denken: Schloß Louvre brennt wieder einmal vom höllischen Feuer. Wer weiß, was bevorsteht.
Sie betrachteten einander — dann beschrieb Madame Marguerite mit der vollendet gebildeten Hand eine Bewegung von oben nach unten, die besagte: Entkleiden Sie sich, Sire. Sie selbst entledigte sich ihres Schlafgewandes erst am Rande des Bettes; sie kannte die Fehler ihrer Figur und wußte, daß sie mehr im Stehen hervortraten als im Liegen. Vor allem war sie gesonnen, den Anblick und die Form dieses neuen Mannes in Ruhe zu ergründen. Denn Madame Marguerite war eine Kennerin des Gutgebauten, ob männliche Körper oder lateinische Verse. Ihr neuer Mann nestelte an seiner Halskrause, das Festkleid aus weißer Seide war schwierig zu öffnen. Es sollte ihn in den Schultern breit machen durch gebauschte Ärmel, aber schmal in der Mitte. Die Hüften erschienen stark und fest und um so länger die jugendlich mageren Beine. Bis zu einem gewissen Grade war es möglich, den Eindruck künstlich herzustellen: nicht ohne Sorge sah die gebildete Frau dem Ergebnis entgegen. Aber sieh, es war sogar besser als die Versprechungen der Hülle. Madame Marguerite stellte Vergleiche an und fand zuerst in diesem Fall alle Anforderungen der Antike, die sie fast schon für fabelhaft gehalten hätte, wirklich erfüllt — dermaßen, daß ihr Gesicht vorläufig noch seine gelehrte Neugier und Erhabenheit festhielt. Erst das Blut, das sie unter seiner Haut schwellen sah, erregte auch das ihre; und verloren war die Kennerin, als sie seine rauhen Glieder berührt hatte.
Beide erwiesen sich diesmal, wie noch nie, unermüdlich im Genuß; und zwar machte dies der Wettstreit ihrer Naturen, die einander gewachsen waren. Als Henri in späterer Zeit und von anderen Frauen ganz befangen, leugnen wollte, er hätte Margot je geliebt, da brauchte er für den Zustand dieser Nacht und aller folgenden ein Wort, das auch den Niedrigen und Schwachen geläufig ist, für ihre Versuche, sich aufzuspielen. Indessen hätte er bezeugen können, daß einige Male im Leben das Fleisch sich begeistert bis in den Tod. Vielleicht ist der dann wirklich näher, als es den vom Leben Überschäumenden erscheint, und sie haben nur vergessen, die Winkel abzuleuchten. «Nicht fern ist uns der Tod»: diese geistlichen Worte, Henri mußte sie gehört haben vor einer Weile, und sie waren zusammengetroffen mit seinen innersten Ahnungen. Diese geistlichen Worte schwebten als letztes durch sein von Liebe ermüdetes Gehirn.
Es wurde eine kurze Ruhe, denn bis in den Schlaf hinein bedrängte ihn die Sorge um den Genuß: nie genug, nie genug! Davon erwachte er bald, küßte, die Augen noch geschlossen, den anderen Körper und stieß mit den Lippen auf eine Narbe. Sofort sah er hin, fühlte hin: er verstand sich auf Narben. Sie rührten von Hieben, Schüssen, dem Biß der Zähne her, und wurden beigebracht auf Schlachtfeldern sowohl wie auf den Lagern der Geschlechter. Viel kam für ihre Einschätzung darauf an, welcher Körperteil sie trug. Hat ein Soldat sie dort, wo sie bei Margot saß, dann ist er, wann es auch sei, ausgerissen und im Galopp davongejagt. Man muß deshalb kein Feigling sein; ja, ein König von Frankreich und Navarra, Henri genannt und für seinen Mut bekannt, sollte sich doch selbst einst eine Narbe holen an derselben Stelle. Hier aber handelt es sich um einen der schönsten Körperteile der Frau, die mein, nur mein ist — und hat schon jemand sie gebissen, dann soll es nicht wahr sein! Daher rüttelte er sie, und da sie nicht gleich folgte, wendete er sie, bis er ihre Vorderseite vor sich hatte, und in ihr kaum erwachtes Gesicht fragte er heftig: «Wer hat dich in den Hintern gebissen?»
«Niemand», sagte sie, und es war genau das, was er hören wollte. Wütend rief er: «Du lügst!»