«Meine gehn heute nach Flandern ab. Handle wie ich, Navarra!»

«Ich spiele dein Spiel, aus Neigung und Gewohnheit. Denkst du noch unserer Schulzeit, Henri Guise?»

«Du gabst das Spiel an, Henri Navarra. Caesar wurde ermordet. Es versetzte uns in Raserei.»

«Dich und d’Anjou. Ihr wart gesonnen, mich ganz im Ernst umzubringen. Das sind Erinnerungen für das Leben, mein Freund.»

«Eine früh geschlossene Freundschaft ist das einzige, was nicht schon vor uns selbst stirbt. Ich schäme mich meiner Tränen nicht», sprach Guise mit gehobenem Anstand und preßte welche hervor oder versuchte es doch. ‹Das würde ich besser machen›, sagte sich der andere auf der Stufe. Indessen empfand der von Navarra mehr Scham als Genugtuung. Das war sein Todfeind, und hätte er es nur darum müssen sein, weil er nicht die Prinzessin bekommen hatte. Beide aber ließen sie ihre Stimme vom Gefühl erbeben, während sie einander durch und durch belogen. Wären sie nur nicht wirklich zusammen Kinder gewesen! Aus Scham — worüber? Aus Scham über das Leben, wie es ist, krümmte der eine auf der Stufe sich ein wenig, wobei er den andern drunten aus den Augen ließ. Als er sich nun krümmte, raschelte etwas an seiner Brust, er wußte nicht gleich, was — und faßte hin. Die Bewegung war noch nicht beendet, schon hörte er: «Halt!» Sah auf und fand gegenüber einen ganz veränderten Mann, tierisch böse das Gesicht, nichts mehr von beschönigten Erinnerungen: die nackte Gegenwart, und in der Faust den entblößten Dolch. Da lachte Henri laut, als ob grade die schrecklichsten Enthüllungen die lustigsten wären.

«Ich könnte aber auch weinen, echter als vorhin du.»

«Weil du Mut hast, laß ich dich leben.»

«Oder auch, weil es dir schlecht bekommen würde, es nicht zu tun.» Hierbei ein kurzer Seitenblick. Mit einem Schwung wie ein Tierkörper fuhr Guise herum: da stand ein Hugenott, den Degen aus der Scheide.

«Mein Herr und Meister spricht die reine Wahrheit», sagte das aufgerauhte Lederkoller und das gegerbte Soldatengesicht mit dem Kinnbart. «Der Herr Herzog von Guise brauchte nur den Arm zu heben: bevor er meinen König traf, hätte ein Gascogner Edelmann namens d’Armagnac die Ehre gehabt, den Herrn Herzog von Lothringen in zwei gleiche Teile zu spalten.»

Diese tönende Stimme aus dem Süden störte heute als erste die dumpfe Stille des Hofes, genannt «Brunnenschacht des Louvre». Wachen liefen herbei aus dem Torbogen, der zu der Brücke führte. Die Türen ringsum öffneten sich und ließen Leute heraus. Bevor irgend jemand die Lage erfassen konnte, war Guise untergetaucht. D’Armagnac, der die Waffe längst wieder gesichert hatte, erkundigte sich überall angelegentlich, was eigentlich vorgefallen wäre. «Die beiden Kaufleute dort drüben sind sich in die Haare geraten wegen Gebühren, die sie dem Amt bezahlen sollen.»