Sie biß sich in die Lippen; sie dachte: ‹Du hast es gewollt, du wirst ein Hahnrei werden.› Dies einmal beschlossen, bekam sie ihre Sanftmut wieder. Ging hin, beugte ein Knie und bat: «Mein lieber Herr, es möge nichts zurückbleiben zwischen uns beiden von diesem unbedeutenden Mißverständnis.»

Sie ging. Er sah ihr nach und dachte an seine Rache wie sie an die ihre.

Eile! Eile! Die Verschwörungen folgten einander unaufhaltsam, wie die Tage des Schlosses Louvre, wie die Monate, und bald sind es Jahre. Ein großer Schlag ist vorbereitet für einen Morgen im Februar, der Hof hält sich gerade in Saint-Germain auf. Henri und sein Vetter Condé reiten zur Jagd und werden nicht mehr zurückkehren. Das Königreich wird aufstehen, alle «Gemäßigten» warten schon, Katholiken wie Protestanten. Gouverneure von Provinzen machen mit, eine Garnison ist gewonnen. Die Prinzen brauchen nur hinzureiten mit fünfzig Pferden und sind in Sicherheit. Anstatt dessen: Verhaftung, Zusammenbruch, die notgedrungene armselige Absage Navarras an alle Unternehmungen wie diese, und der Schwur, künftig anderen Empörern nicht mehr beizustehen, wenn sie die Ruhe stören wollen; im Gegenteil soll er in Treue fest gegen sie vorgehen. Das alles unterschreibt Henri und glaubt es nicht einmal so lange, als er die Feder hält. Ebensowenig glaubt Madame Catherine es ihm. Der Zaunkönig ist nun einmal ein unruhiger Kopf und fast so verrückt wie ihr Sohn d’Alençon, der am entscheidenden Tage nicht mit zur Jagd reitet, sondern im Bett liegt. Verlaß ist nur auf die Uneinigkeit der Verschworenen, und dann auf den Verräter, der nie ausbleibt. Immer findet sich einer, der alles anzeigt. In Saint-Germain ist es La Mole, der Mann mit den schönen Gliedmaßen, durch den der König von Navarra jetzt glücklich ein Hahnrei geworden ist. Was La Mole verschweigt, enthüllt der Mann mit den zwei Nasen, damit er nur aus der Sache kommt.

Madame Catherine verzieh ihm dann wirklich: er war ihr Sohn und überdies nicht ernst zu nehmen. Schonend aus Geringschätzung behandelte sie auch den Prinzen von Condé, ließ ihn abziehen, damit er die Provinz Picardie für den König regierte. Er statt dessen entwich nach Deutschland: das war ihr einerlei. Nein, Madame Catherine mißtraute in Wahrheit nur einem einzigen, den sie mit scheinbarer Verachtung den Zaunkönig nannte. Ein Zaunkönig ist ein kleines Vögelchen, ihr aber war er noch immer nicht klein genug. Auf die Trennung seiner Ehe hatte sie verzichtet, seitdem ihre Tochter ihn betrog. Das sollten seine frommen Hugenotten nur erfahren, gewiß stieg er in ihrer Schätzung! Was sie wohl von ihm hielten oder hofften? Um sein Leben zu retten, war er wieder einmal katholisch geworden. Den Rest seines guten Rufes verausgabte er in kopflosen Unternehmungen und schwor sie ab, eine nach der anderen, sooft sie mißlangen. Die tiefste Stufe erreichte Navarra, als er, um den König zu verraten, zusammenging mit dem Geliebten seiner Frau.

Der Hof lag damals in Vincennes; der Raum, sich zu bewegen, war hier noch geringer für alle, auf die Madame Catherine ein Auge hatte. Trotzdem ließen sie sich in neue Pläne ein, vielmehr in dieselben wie immer: Flucht, Aufstand, die Hilfe deutscher Truppen — diesmal aber ging das Unternehmen sogar von dem Verräter selbst aus. Derselbe La Mole, der sie erst kürzlich ausgeliefert hatte — ihm überließen sie sich. In Saint-Germain hatten sie ihn kennengelernt, in Vincennes war es schon vergessen. Was ist das? Mag d’Alençon verrückt sein und Henri erbittert, weil er demütigende Erklärungen hat abgeben müssen. Gleichviel, so handelt niemand im wachen Zustand, an einem Hof, wo jeder sich unter Aufsicht weiß, besonders aber Navarra und Vetter Franz — davon nicht erst zu reden, daß sie auch einander nicht trauen. Aber es gibt nun einmal einen leeren Trieb des Handelns, der ganz wie ein unruhiger Schlaf ist. Beide jungen Leute sind darüber belehrt, wer La Mole ist: ein Verräter von Natur, und noch dazu der Freund der Prinzessin, die immer im Banne ihrer furchtbaren Mutter stehn und ihr alles hinterbringen wird. Hat Margot ihren Liebhaber vielleicht sogar angestiftet, und zwar auf Befehl ihrer Mutter? Madame Catherine will endlich wissen, wer alles bereit ist, zu verraten, und wie der Verein und die Tat ihrer Feinde aussehen, wenn sie ihnen erlaubt, heranzureifen bis zum blutigen Ende und Strafgericht.

Der Verein sah aber so aus: zwei junge Prinzen, die aus verschiedenen Gründen Kopf standen und auf den Händen liefen, wobei man das Blut in den Augen hat und nichts sieht. Dazu mehrere große Herren, von der Art, die sich für besonders vernünftig, maßvoll und treu hält. Wollen mehr verstehen als eine kluge alte Königin und beweisen es dadurch, daß sie in demselben Verein sitzen mit Abenteurern, einem Alchimisten, einem Astrologen, einem Spion. Dieser letzte unterrichtet Madame Catherine von Tag zu Tag, und das waren Tage, wie Madame Catherine sie liebte: voll geistiger Spannung und der glücklichen Überlegenheit einer Katze, die unsichtbar über das Vögelchen wacht. Endlich hat es lange genug sinnlos gehüpft und will die Flucht antreten: da schlägt die Tatze zu.

Der Herzog von Montmorency, ein Verwandter des seligen Admirals, sowie Marschall Cosse verschwanden in der Bastille. Hingerichtet in aller Öffentlichkeit auf dem Greveplatz wurden die beiden Rädelsführer, ein italienischer Verschwörer, und mit ihm, besonders erheiternd für eine Kennerin wie Madame Catherine, dieser La Mole, ihr eigenes Werkzeug, ohne daß er es gemerkt hatte. War auch das Freundchen ihrer verliebten Tochter gewesen, und die gab an, als sein Kopf fiel! Zumindest erinnerte sie an eine Witwe aus Morgenland. Margot holte sich den abgeschlagenen Kopf, ließ ihm Einspritzungen machen, damit er erhalten blieb in all seiner männlichen Schönheit; setzte ihm auch Edelsteine ein; und so führte sie ihn überall mit sich, so lange bis ein neuer Mann sie rührte und hinriß. Da hatte sie den Kopf vorsorglich begraben in einem Kasten aus Blei.

Was die anderen Verschworenen betraf, sind Astrologen geeignet, das Firmament nach den Geschicken der Großen zu durchforschen; Alchimisten ihrerseits sollen die Zukunft bestimmen aus den Dämpfen der Metalle. Madame Catherine gewann es nicht über das Herz, zwei so sehr Eingeweihte zu töten. Sie nahm ohne weiteres an, daß die Weisen ihre Mitverschworenen zwar getäuscht hatten, ihr selbst aber würden sie verläßlich wahrsagen.

Anders verfuhr sie mit ihrem Schwiegersohn Navarra. Gut, auch ihr alberner Sohn d’Alençon mußte beschämende Verhöre erdulden und den Gefangenen vorstellen. Ihren Zaunkönig aber nahm die alte Frau zu sich in ihre Kutsche. Behaglich liebevoll das Aug auf ihm, in Stunden heiteren Genusses fuhr sie ihn zurück nach Paris und in das Schloß Louvre. Er hatte vermeint, es nicht so bald wieder zu betreten. Jetzt fand er die Fenster seines Zimmers vergittert — und wem, wem wurde seine Person eigens anempfohlen? Seinem guten Freund, dem Hauptmann de Nançay. Der Gefangene war wohl aufgehoben.

Er erkannte es und besann sich. Dies war der Ruck des jähen Aufenthaltes nach zu viel ungeordneter Bewegung. Ein Zittern der Trostlosigkeit befällt nachträglich die Glieder, und der Kopf ist müde wie noch nie.