Die beiden Kameraden von früher murrten: «Unternehmen Sie aber nichts, Sire, dann handeln die anderen: die bekannten Teilnehmer der Bartholomäusnacht. Die geben sich nicht zufrieden an dem lustigen Hof und noch weniger in den Kirchen. Sie sollten hören, was dort gepredigt wird.»

«Daß ihr euch bekehren sollt; sonst werdet auch ihr noch umgebracht. Bekehrt euch! Ich hab es auch getan.»

Hier blieb ihnen vor Entsetzen die Antwort aus. Er sagte weiter: «Wollt ihr aber nicht nachgeben, dann schlagt als erste los. Ihr seid stark. Mehrere Hundert von der Religion sind noch am Leben in Paris. Sie haben vielleicht keine Waffen, aber sie haben Gott.»

Da ging er weiter, und in ihrer Verblüffung versuchten sie gar nicht, ihm zu folgen. «Er verhöhnt uns», raunten sie einander zu. Nicht einmal die Schweizer durften dies hören. Vor sich selbst suchten sie ihn zu rechtfertigen. «Es kann auch eine Warnung gewesen sein, damit wir uns in keinen Aufstand einlassen. Durch Unwahrheit das Wahre zu verstehen geben: es sähe ihm ähnlich. Vorher übrigens weinte er, obwohl wir es nicht bemerken sollten. Aber er weint leicht. Weint bei dem Gedanken an seine Rache, und ist doch aus dieser Tür getreten. Aus demselben Zimmer, worin seine Mutter das Gift bekommen hat!»

Sie kamen überein, daß sie ihren Herren nicht mehr verständen und daß sie unglücklich wären.

Der zweite Auftrag

Henri begab sich zu dem König, der so hieß wie er selbst und auf dem Thron der dritte Henri war. Oft spielte er mit ihm, ein Henri mit dem anderen. Zur Knabenzeit in Saint-Germain waren beide, wie Kardinäle angetan, auf Eseln geritten den Saal hinein, wo Madame Catherine einen echten Kardinal empfing. Das wiederholten sie ähnlich jetzt, als erwachsene Männer, der König von Frankreich und sein gefangener Vetter, dessen Mutter und sämtliche Freunde hierselbst das Leben verloren hatten. Dafür ging der König von Frankreich des nächsten Tages in ein Kloster, um schleunigst abzubüßen. Er büßte eine festgesetzte Zeit für Lästerungen, eine andere für fleischliche Verirrungen, und wieder eine für seine Schwäche hinsichtlich der Herrscherpflichten. Man mißbrauchte ihn, daß es ein Gespött war: Ränkeschmiede, Schwindler, Lustknaben und als einzige Frau seine Mutter. Er verschenkte, verscherzte, verlor. An einem bestimmten Punkte wurde ihm jedesmal bewußt, was vorging, seine Beraubung, Entwürdigung — und er verfiel in Schweigen.

Sie hielten das Schweigen für drohend und machten sich dünn, sobald der König schwieg. Sein Verstummen war aber das tragische Erkennen des eigenen Unvermögens. Ihm fiel von Mal zu Mal auf die Seele, daß ein absterbendes Königshaus in der Welt und im Lande nichts mehr kann ausrichten noch aufhalten. «Duldung müßte sein», äußerte er gerade heute seinem Vetter und Schwager. Die Verzweiflung rang es ihm ab. «Friede wäre höchst geboten. Haß ich denn die Hugenotten? Mit neun Jahren war ich selbst einer und warf das Gebetbuch meiner Schwester Marguerite ins Feuer. Ich weiß noch, wie meine Mutter mich schlug und wie mir das Spaß machte. Bis auf den heutigen Tag schäme ich mich vor ihr wegen des alten Gefühles. Sie hat es lange vergessen. Wohin gerate ich? Der Friede der Religionen sollte mich beschäftigen. Nun hab ich aber geschworen, als ich den Thron bestieg, ich würde keine andere Religion dulden in meinem Königreich, außer der katholischen. Was tun? Ich verjage die Ketzer nicht, wie ich müßte, ich bete für ihre Bekehrung. Ich kann nur immer beten.»

«Sie können mehr», versicherte Henri Navarra, als bescheidener Zuhörer des Henri, der jetzt König hieß. «Sie haben eine vorzügliche Handschrift. Nur immer fleißig Rundschreiben und Erlasse verfassen! Ihr Fleiß, Sire, ist das schönste Beispiel für uns alle.»

Dieser König war in seinen traurigen Zeiten und so auch heute, den dreißigsten Januar, ein Schreiber — als hätte er alles Versäumte nachgeholt, wenn er eigenhändig Tinte vergoß. Es lief nur immer auch Blut hinein, und sein guter Wille blieb vergebens. «Mein Sekretär Lomenie ist schon recht lange krank», bemerkte er. «Ich will ihn besuchen.»