«Tun Sie es nicht, Sire! Er ist gestorben, ich will es Ihnen nur verraten. Sie sollten mit der Nachricht verschont bleiben, da Sie gerade im Kloster weilten. Man sagt, er hatte die Pest.»
Das war der erdrosselte Grundbesitzer gewesen, den ein Italiener beerbt hatte, und der König machte sich nicht erst heute Gedanken über den Verschwundenen. Aus seinem schlecht rasierten Gesicht, das unleugbar einen äffischen Umriß hatte, prüfte er mit spitzen Augen schnell und scheu den Ausdruck des Vetters. Sogleich flüchtete sein Blick wieder zu dem Schreibpapier. «Wegen dieses schönen Lebens», murmelte er, «habe ich es nicht erwarten können, daß mein Bruder Karl starb.»
«Hat es sich denn nicht gelohnt?» fragte der gute Vetter erstaunt.
Der König kroch ganz in seinen Pelzrock und schrieb. Vetter Navarra bewegte sich währenddessen im Zimmer, begann ein Selbstgespräch, brach ab und fing ein anderes an.
«Der neue Hof unterscheidet sich beträchtlich von dem alten. Man fühlt es mehr, als daß man es sieht. Unter Karl dem Neunten waren wir alle verrückter. Geschlafen wird noch gerade soviel mit Frauen und öfter mit Knaben. Dies lernen viele erst jetzt, um auf der Höhe zu sein. Ich nicht, und ich bedaure es; denn so bleibt ein gewisser Teil der menschlichen Natur mir verschlossen.»
«Danke dem Himmel», warf der schreibende König ein. «Die Jungen sind noch geldgieriger als die Weiber. Außerdem ermorden sie einander. Den liebsten hat man mir abgestochen.»
«Das kam unter Karl nicht vor», stellte Navarra fest. «Obwohl der Höhepunkt seiner Regierung die Bartholomäusnacht war. Der Leichengeruch ist an dem neuen Hof beharrlicher als an dem alten, das will ich zugeben. Aber wie freundlich leben wir sonst! Niemand denkt an Flucht, Aufstand und den bewaffneten Einfall der Deutschen. Ich bin belehrt, ich erhebe keinen Finger.»
Er wartete, hörte nur die Feder knirschen und setzte an anderer Stelle ein. «Ich und Guise sind gute Freunde geworden, wer hätte das früher gedacht. Wenn Eure Majestät mich beurlauben, steige ich aufs Pferd und reite zur Jagd. Die Königinmutter hat es mir erlaubt. Allerdings werde ich auf Schritt und Tritt bewacht werden von denen, die am liebsten nicht meine Wächter, sondern meine Mörder wären.»
Das Knirschen der Feder. «Ich gehe», verkündete Navarra. «Es regnet, ich mag nicht ausreiten mit meinen Mördern hinter mir. Auf meinem Zimmer will ich mit dem Narren spielen. Der ist noch trauriger als der König.»
Vor der Tür wurde der Gefangene zurückgerufen. «Vetter Navarra», sagte der König. «Ich habe dich lange gehaßt. Jetzt bist du aber im Unglück, wo auch ich bin. Beide verdanken wir es denselben Ereignissen — und unseren Müttern», sagte er merkwürdig schwer. Henri erschrak; niemals waren ihm die Dinge von dieser Seite erschienen. Seine Mutter sollte sein Unglück verschuldet haben! Die reine Jeanne wurde zusammen genannt mit Madame Catherine: es stieß ihn ab, er vergaß darüber, sein Gesicht zu beherrschen. Sein trauriger Gefährte bemerkte es nicht, ihm selbst war gar nicht wohl. «Was für Greuel hat sie schon wieder vor?» fragte er und sah vor Mißtrauen schwärzlich aus.