Er schlug ihn vor den Bauch, als Zeichen der Anerkennung und Freude. «Dem Tod ausweichen, damit fängt alle Diplomatie an — und auch die Kriegskunst.» Gleichzeitig faßte er ihn beim Arm und entführte ihn mit seinen langen Schritten, von denen dieser Parkweg viertausend mißt.
Henri und sein Gesandter trafen einander noch öfter früh und ungesehn. Der wahre Grund, weshalb der König den Rat des Gesandten immer wieder hören wollte, blieb unbekannt, sogar wenn jemand ihnen heimlich gefolgt wäre. Mornay hielt Henri für den künftigen König von Frankreich, das war es; hatte aber mehr als nur die Beweise des inneren Bewußtseins, die einzigen, die Henri klar waren. Eine unverkennbare Weltlage sprach dafür, daß dieses Königreich, und im ganzen Abendland grade dieses, müßte fest vereint werden in der Hand eines Prinzen von Geblüt. Nicht Frankreich allein: die Christenheit «seufzt nach einem Fürsten». Dies war nicht mehr der verfallende Philipp mit seinem zusammengewürfelten Weltreich, im Niedergang wie er. Solche Reiche können nicht auskommen, ohne fortwährend Unternehmungen ins Werk zu setzen gegen die Freiheit der wenigen Nationen, die noch frei sind. Damit aber beschleunigen sie nur ihr eigenes Ende. Mornay verhieß dem bis jetzt furchtbaren Philipp vor seinem Tode, der schimpflich wäre, die schärfsten Züchtigungen von der Hand Gottes. So drückte er es nicht aus, das dachte er nur. Kühl stellte er fest, daß die wahllose Ausdehnung einer Macht und ihre Begierde nach Vorherrschaft unweise wären. Ein Königreich wie dieses im inneren Zerwürfnis erhalten zu wollen — Mornay nannte es weder gottlos noch sträflich, obwohl er dies meinte. Dagegen sprach er von der Logik der Dinge und von der Wahrheit; denn die Wahrheit braucht nur zu erscheinen und siegt auch schon.
Alles in allem war Mornay bemüht, daß Henri nicht nur durch das Gefühl, sondern klar und verständig seine eigene Zukunft für groß hielte. Er sollte sich im Bunde wissen mit der Wahrheit, der wirklichen und der sittlichen: eine kommt nicht vor ohne die andere. Denn wir sind als Menschen erschaffen worden von Gott, sind das Maß der Dinge, und nichts ist wirklich, als was wir anerkennen nach eingeborenem Gesetz. Eine derart hohe Vernunft, hoch und tief wie eine Mystik, mußte wohl reizen und verführen, besonders den Fürsten, der selbst ihr Mittelpunkt war. Voraussagen der Zukunft locken immer an, sogar um sechs Uhr früh in einem Park, der noch fröstelt; und andernfalls hätte Henri vier volle Stunden länger geschlafen, denn gewöhnlich endeten seine leichten Abenteuer spät in der Nacht. Er kam aber, um vernünftig Erkanntes über sich selbst und seine Feinde zu hören.
Seinen Weg zum Thron, so hörte er, sollte er merkwürdigerweise beschreiten als Verbündeter, ja als Retter des letzten Valois, der ihn bis jetzt doch haßte. Mornay aber hielt sich hier an das Wort «Liebet eure Feinde» — das zwar nicht überall gelten kann, es wäre gegen unsere menschliche Bestimmung. Man muß nur das Auge haben für die Fälle, in denen es wirklich gilt. Henri war nach seiner eigenen Natur durchaus bereit, seine Feinde zu lieben, sie für sich zu gewinnen und sie seinen Freunden sogar vorzuziehen. Vielleicht trug er daher das Bündnis mit dem letzten Valois als Vorgefühl hier schon in sich und dachte nur später, nach vollzogener Tatsache, Mornay hätte so früh die Dinge beim genauen Namen gekannt. Auch den Untergang der spanischen Armada vor der Küste Englands erfuhr Henri auf die Weise zehn Jahre zuvor. Als es geschehn war, meinte er wahrhaftig, das Ereignis wäre ihm wörtlich angekündigt worden im Park La Garenne von Mornay. Der Gesandte hatte möglichenfalls das Wort Untergang gebraucht, ob er es nun bezogen hatte auf eine Flotte oder auf ein Weltreich. Das Leuchten seiner Rede war aber erhalten geblieben in Henri. Denn es ist die Erkenntnis ein Licht und wird ausgestrahlt von der Tugend. Schurken wissen nichts.
Henri ließ durch Mornay die Tugend zu sich sprechen.
Das ist angenehm, solange sie sagt: Du bist jung und von Natur ausersehn. Die schönen Gelegenheiten begegnen deinen schönen Anlagen, für dich sind sie geboren. Bis die Stunde der größeren Taten schlägt, mach dich zum unbestrittenen Herrn dieser Provinz und deiner Partei. Laß die Zeit, hier ist der Himmel hell, zehn Jahre sind wie ein Tag. Soweit sprach die Tugend angenehm.
Indessen fiel es ihr ein, zu sagen und als Denkschrift zu überreichen, daß der König von Navarra spätestens um acht Uhr morgens könne angekleidet sein und seinen Geistlichen das Gebet abhalten lassen. Dann sollte er in sein Arbeitszimmer gehn und dorthin nacheinander zum Bericht bestellen alle, die er mit seinen Geschäften betraut hatte. Kein lärmender Geheimer Rat mehr, wo man lachte, Geschichten erzählte und Streit anfing. Mornay wollte, daß Henri von seinen Räten nur die tugendhaften bei sich behielt: wer wäre da übriggeblieben außer ihm selbst? Henri persönlich aber sollte ein Beispiel geben seinem Hause, und nicht nur seinem Hause, sondern dem Königreich Navarra, und nicht nur diesem, sondern der Christenheit. Mornay ertrug an dem Fürsten, den er sich erwählt hatte, nichts Tadelnswertes. Jeder sollte bei ihm finden, was er am meisten ersehnte, aber niemals erlebte: die Fürsten — Brüderlichkeit, die Gerichte — Rechtssinn, das Volk — die Sorge, ihm Lasten abzunehmen. Der Fürst sei bedacht, aufzutreten mit Würde, ja mit Glanz; besonders aber gebe er niemandem Gelegenheit, ihn zu verleumden. Nicht einmal sein gutes Gewissen darf ihm genügen. Das weitere wurde ganz verfänglich. Dieses Ratsmitglied, das seinen Titel ernst nahm, fing von den Sitten des Fürsten an.
«Verzeihen Sie Ihren treuen Dienern noch ein Wort, Sire. Die offenkundigen Liebschaften, denen Sie so viel Zeit schenken, sind nicht mehr an der Zeit. Heute will es die Stunde, Sire, daß Sie eine Liebschaft haben mit der ganzen Christenheit und im besonderen mit Frankreich.»
‹Wie Kathrin!› dachte Henri. ‹Ich will dich mahnen, daß du Gott liebst, anstatt die Frauen›: das waren ihre Worte. Auch der andere Hugenott lag ihm jetzt damit in den Ohren. Nein, die Tugend sprach nicht mehr angenehm. Es ist wahr, daß sie zu früh kam und verlangte von dem jungen Fürsten eine Wohlanständigkeit — weder ihm noch dem Zustand seines verwilderten Ländchens hätte sie gegenwärtig entsprochen. Aber dieser Punkt, fast nur dieser, blieb immer verwundbar bei Henri. Als er schon der anerkannte Erbe der Krone Frankreichs war, meldete sich die hartnäckige Tugend des Herrn de Mornay mit denselben Empfehlungen, und sie kamen wieder ungelegen, reizten zum Ärger, zum Spott; und endlich verstummten sie dann auch. Das Leben geht weiter ungewarnt, die Tugend verzichtet, und der Alternde sinkt unter sich selbst herab durch Leidenschaften, mit denen er sich noch einmal Jugend vortäuscht. So wird es kommen, Henri. Jugend und Liebe werden einst die Irrtümer eines noch immer ungestillten Herzens geworden sein; dazu wird sogar dein Mornay schweigen. Sei froh, daß er heute redet!
Statt dessen rächte er sich dafür. In seinem Geheimen Rat, den er übrigens ließ, wie er war, äußerte der König bei Anwesenheit des Gesandten Mornay: den Katholiken schuldete er mehr Dank als den Hugenotten. Wenn diese ihm dienten, wäre es Eigennutz oder Eifer für die Religion. Die anderen hätten davon keinen Vorteil, und um seiner Größe willen schadeten sie ihrem eigenen Glauben. So ungerecht war der Vergleich, daß die katholischen Herren ihn selbst nicht ruhig hinnahmen. Henri vergaß aber sogar die persönliche Schonung und Barmherzigkeit; bei Anwesenheit seines Gesandten machte er einen Raben nach. Die von der Religion heißen allerdings Raben, weil sie sich dunkel kleiden, viel Psalmen krächzen und angeblich sehr auf Beute aus sind. Als der König zu dieser augenscheinlichen Beleidigung überging — er tat es immer noch verstohlen in einer Ecke —, da wollte niemand es gesehen haben, und gerade die katholischen Herren verdeckten den Vorfall mit lauten Gesprächen. Henri selbst war alsbald verschwunden.