Er war knochig wie sein Klepper, hatte auch seinen eisernen Blick zurück, mit dem Blick kannte Henri ihn aus der Zeit ihrer Feindschaft. Der alte Feind schwankte dort oben lang und dürr; alles Lärmen und Gewühl der Schlacht entriß ihn seinem Sinnen nicht auf Recht und Rache. «Biron, so sind Sie. Nun, und so ist der Landsknecht. Ich aber muß mit vielen Menschen leben.» Der König sprach es ruhig, schon halb fortgewendet. Er war zu Fuß im Graben unter der Schanze; der Reiter aus seiner Höhe sah ihn klein, die ganze graue Rüstung, der große weiße Helmbusch. Um so stärker fühlte er plötzlich den Abstand, ja, mehr als nur einen Abstand des Ranges. Wesen und Macht der Tiefe wollten ihn anrühren unheimlich von dort unten — ihn, den sie den berittenen Tod nannten. Ein Spaßmacher, der dort? Spieler um jeden Einsatz und tränenreiches Kind? Respekt, Biron, das ist der König, so sehr wußten wir es noch nicht. Vor ihm gelte ich, Marschall Biron, dem deutschen Landsknecht gleich. Man sagt: «Er ist gut.»
Man sieht: er ist lustig. Kann sein. So fliegen helle Vögel über dunklen Grund. Ist alles richtig, Sanftmut, Seelenkraft — und besonders, daß wir’s uns nur gesagt sein lassen, die gerechte Verachtung der Menschen.
Damit wendete Biron und sprengte nach seiner Kapelle; um diese drehte sich die Schlacht, sie wollte er halten eigensinniger als je — für einen solchen König.
Das große Heer der Liga hatte nichts ausgerichtet gegen das verschanzte Lager inmitten. Durch die Hügel rechts ließ es sich jagen bis nach dem Weiler. Biron hielt die Kapelle, und so lange mußte die Schlacht sich drehen, der Feind geriet von selbst auf das sumpfige Gelände links. Dort drangen mehr Königliche in seine Abteilungen ein, als er jemals dachte, kennenzulernen. Fiel auch niemandem bei, es könnten immer dieselben sein. Eine Truppe des Königs, herangeführt im Galopp von ihm selbst über die ganze Breite des Schlachtfeldes, sie vernichtete Kompanien mitsamt dem Anführer — alsbald aber verging sie im Nebel. Der nachrückende Feind verlor die Richtung. Wohin? Gegen wen? Er suchte den König; der war längst anderswohin zu Hilfe geflogen. Über den Feind kamen neue Truppen her, blieben aber in Wirklichkeit dieselben wie vorher. Seine großen Haufen wurden einzeln ermüdet, bevor sie sich recht erinnerten, daß sie ein übermächtiges Heer waren. Dann allerdings trat von diesem ein Hauptteil zugleich auf den weichen Boden, so daß er wich unter der Wucht. Umkehr, Verwirrung, viele staken im Sumpf. Die Vordersten gerieten an die Schweizer.
Im Hohlweg hinter Hecken standen den Fluß entlang die Schweizer des Königs, sperrten Dorf Arques ab, hätten auch ins Gras gebissen Mann für Mann, bevor nur einer hindurchgelangt wäre von den Feinden des Königs. Es waren, allein und abgeschlossen an einer Stelle fremden Landes, Männer aus Solothurn und Glarus mit ihrem eigenen Obersten, Gallaty. Sie streckten ihre Spieße vor, dies war ihr Platz, auf den sie ihre breiten Füße stemmten; wichen keinem Druck der Übermacht, wären alle geblieben. Einmal sahen sie im Nebel einen weißen Helmbusch, den trug nur der König. Er sagte zu ihnen: «Meine Schweizer! Diesmal deckt ihr mich. Das nächstemal hau ich euch heraus.» Sie verstanden ihn, obwohl er anders sprach als sie, auch kein Französisch, das sie kannten. Er nannte sie Souisses. Er war ihr Freund und hatte ihrem Obersten Gallaty versprochen, daß er, einmal Herr seines Königreiches, der freien Schweiz Hilfe schuldete gegen ihre Bedränger. Das war ein Wort für ihn und sie. Er wollte nachher immer nur der Verbündete freier Völker sein. Sie waren von der Art der Eidgenossen, die am Todestage des Admirals Coligny noch seine Treppe gehalten hatten, solange von ihnen einer lebte.
Die Schweizer hielten den Hohlweg. Die Reiter des Königs, fünfzig in der Front, brachen immer wieder aus den Schanzen, sein Fußvolk wehrte sich des Lebens an sechs Stellen, Biron klammerte sich an die Kapelle — und alle diese blieben durchaus dieselben, indes ihre Gegner Atem schöpften und einander ablösten. Handgemenge, Pistolen nah ins Gesicht abgeschossen, nicht früher, als man die Farbe der Schärpe unterscheidet. Die Lanze unter den Sitz des Reiters geschoben, aus dem Sattel mit ihm, zu Boden mit ihm. Ein großer Herr der Liga beschimpfte noch vom Erdboden herauf den jungen Protestanten, seinen Besieger: «Wichse kriegen, Junge!» — und hatte sich schon den Hals gebrochen. Bei der Kapelle aber fiel ein La Rochefoucauld, Josias mit seinem biblischen Namen. Ihr Pferd verloren Rosny und Biron. Der Pferde waren leider mehr als genug, da ihre Reiter zwischen den Hufen lagen mit einem Ächzen, das nahm nur noch die Erde auf. Über die Sterbenden hin toste wie je das Leben und hörte sich an wie eine Schlacht.
Der König und sein Helmbusch wurden gesehen bei der Kapelle, im Hohlweg neben dem Fluß, auf den Schanzen, dem nackten Feld, überall, von jedem einzelnen und allen zugleich. Er rief sie an, im Nebel und in der Not, damit sie aushielten und es gut machten. Er rief die großen Namen, deren Träger sich zu seinen Geschicken geschlagen hatten, und war ein Name bis jetzt nicht groß, dann wurde er es durch ihn. Er ritt vorbei an dem jungen Generalobersten seiner leichten Reiterei, Sohn Karls des Neunten und einer Mutter aus dem Volk. ‹Valois! Dich kenn ich und vergeß ich nicht, dich und dein Haus. Ihr seid bei mir auf ewig. War schon vorbei. Montgomery, Richelieu! Ich hab eine Überraschung. Rosny, La Force! Wenn die Not am größten, ist Gott am nächsten. Biron! Siehst du nicht den Nebel steigen? Wird steigen, muß steigen, so wahr Gott hilft und wir siegen sollen. La Rochefoucauld, für dich ist meine Überraschung, bald sollst du sie hören hereinbrechen mit Donnerschlag.›
Vom Pferd herab faßte er diese Schulter, da fällt der Mann um, nicht wie ein Lebender fällt. Einen Toten in seiner Rüstung hatten sie aufrecht an die Kapelle gelehnt.
«Josias? Du?» fragt Henri für sich allein und will nicht glauben, was er fragt. Es wird geschehen ein Donnerschlag, aber dieser hört keinen mehr. Retten sollen uns die Kanonen von Burg Arques, sobald der Nebel steigt und sie zielen können. Hab hinter der Schanze einen normannischen Seeräuber, der sagt mir auf die Minute, wann der Nebel steigt. Vernimm dies als letztes, mein Josias!›
La Rochefoucauld liegt entseelt am Wege, wie einst ein anderer seines Namens, in Schloß Louvre, am Ende der Mordnacht. So liegen die Toten am Wege. Der König ist fort und weiter.