Aber der feierliche Lange schob einfach den Finger des Untersetzten weg; der lief blau an vor Zorn.
Während hierauf der Arzt ausführlich und voll redlichster Überzeugung die Linien und Punkte deutete, folgte Henri ihm wohl, aber zugleich beobachtete er Madame Catherine. Auch sie war zuerst aufmerksam über das Blatt geneigt, obwohl sie es gewiß nicht zum erstenmal sah. Je anschaulicher indes die Krankheit ihrer guten Freundin wurde, um so weiter wich Madame Catherine zurück, bis sie wieder aufrecht saß in ihrem graden Sessel.
«Ein so seltener Fall», bemerkte der Arzt, «ja, von dermaßen verdächtiger Art, daß noch mein Lehrer und Vorgänger von Zauberei gesprochen haben würde. Ich halte mich an die Natur und den Willen Gottes.»
Hierzu nickte Madame Catherine und blickte den Sohn ihrer guten Freundin an: das ist das Gesicht einer gutmütigen, einfachen Frau, erfahren und gewitzt, wenn man will, aber hier versagt ihr Rat, und sie ist ehrlich besorgt über die dunkle Ungunst der Dinge. ‹Könnte ich nur hinabsteigen in diesen Blick›, denkt der Sohn der vergifteten Jeanne — die aber gar nicht vergiftet zu sein braucht. ‹Alles liegt viel zu natürlich. An der Aufrichtigkeit des Arztes läßt sich nicht zweifeln, fast ebensowenig allerdings an der Begrenztheit seines Wissen. Diese Wasserblasen unter der Schädeldecke meiner lieben Mutter, wie sind sie entstanden? Durch Gift? Oh, könnte ich hinabsteigen in diesen schwarzen Blick und mit Händen berühren, was drunter ist! Gewißheit!›
Fast siegt sie
Sein innerer Kampf blieb der klugen Alten schwerlich verborgen, sie nahm nur keine Kenntnis davon. Sie handelte, als müßte sie einzig den Schmerz des Sohnes schonen. Zuerst gab sie den beiden Männern der Praxis ein Zeichen, worauf sie sich verbeugten wie vorhin und abtraten mit demselben Ausdruck von traurigem Selbstbewußtsein wie beim Kommen. Darauf ließ sie ihm Zeit — etwas zu lange Zeit sogar: sein Haß, der schon in Unordnung geraten war, kehrte gesammelt zurück. Der Sohn erinnerte sich der beiden geöffneten Briefe: Nach ihrem Abgang war seine Mutter gestorben! Ohne es zu wissen, eilte er mit großen Schritten durch das Zimmer hin und her. Madame Catherine folgte ihm ruhig mit den Augen, was ihn wieder verwirrte, als er es bemerkte. Schroff hielt er an und stand vor ihr, die Arme verschränkt, eine unerlaubte Haltung. Das Wort «Mörderin» sollte dennoch fallen, es war noch nie so nahe gewesen. Sie kam dem Ausbruch zuvor. Sie sprach sehr langsam und friedlich.
«Liebes Kind, es beruhigt mich, daß Sie jetzt ebensoviel wissen wie ich selbst. Es tat mir wohl, mitanzusehen, wie Sie überzeugt wurden. Jetzt können wir unseren Schmerz verschließen und uns der Zukunft zuwenden.»
«Aber der Schädel!» sagte Henri drohend in ihr Gesicht, das schwer und grau wie Blei war. Dann suchte er auf dem Tisch: das Blatt mit der Zeichnung war fort, vor Überraschung fielen ihm die Arme herunter. Zum erstenmal verriet hier Madame Catherine ein Lächeln, es war allerdings kein schmeichelhaftes. Es hieß: ‹Nicht einmal darauf haben Sie aufgepaßt, liebes Kind.›
Merkwürdigerweise beruhigte ihn sein Mißerfolg, er stimmte Henri sofort sachlich. ‹Ich kann nichts machen. Sie ist im Vorteil. Verständigen wir uns!› Da legte er auch schon den Haß und das Mißtrauen ab, als ob er beide in die Tasche steckte. Seiner Natur machte das keine Mühe. Erleichtert setzte er sich der alten Frau gegenüber, und sie nickte dazu. «Ich habe mit Ihnen viel Gutes vor», sagte sie.
Henri wartete, und sie sprach weiter. «Jetzt sind wir Freunde, ich kann Ihnen offen sagen, warum ich Ihnen meine Tochter geben will. Ich tue es wegen des Herzogs von Guise, der meinem Haus gefährlich werden könnte. Er war Ihr Schulfreund; wissen Sie wohl, daß Henri Guise inzwischen auf Beliebtheit bedacht gewesen ist bei dem Pariser Volk? Er gibt sich christlicher, als ich es bin, und ich verteidige doch wirklich die heilige Kirche!»