Hier funkelte es leise in ihren undurchdringlichen Augen: da vergaß Henri, daß er sie vergebens hatte ergründen wollen, und lachte stumm mit ihr, denn wenigstens ihren Unglauben bekannte sie, und das gefiel ihm. In der Verachtung des heuchlerischen Fanatismus begegnete er sich mit Katharina von Medici. Sie wurde übrigens gleich wieder ernst.
«Aber er hat damit erreicht, daß der Papst und Spanien ihm helfen. Dieser kleine Lothringer könnte mit ihrem Geld ein großes Heer gegen mich schicken. Noch mehr, wenn er lange so weitermacht, kann er Paris aufwiegeln. Noch mehr, er kann Mörder bezahlen. Was er zuletzt erreichen würde? Daß Frankreich eine spanische Provinz wird.»
Sie beachtete nicht, daß ein unbedeutender junger Mensch ihr zufällig zuhörte. Katharina war ihrer liebsten Wollust hingegeben, den Geist über einen Abgrund zu spannen.
«Auch ich», sagte sie leise, «könnte den König von Spanien zufriedenstellen. Er verdenkt es mir, daß ich meine Protestanten schone.» Langes Sinnen: ihr geschlossener Mund bewegte sich dabei. Dieser Anblick machte Henri aufmerksam, mehr als ihre Reden. Mörder bezahlen, hatte sie gesagt. Auch sie könnte es! Aber sie hatte es nicht nötig, da ihre eigene kleine und fette Hand so vorzüglich ein Getränk zu mischen verstand. Er beobachtete scharf, und nicht lange, so bemerkte sie es.
«Meine Protestanten stehen mir so nahe wie alle anderen Franzosen», äußerte sie, wieder ganz gelassen — und mit stillem Nachdruck: «Ich bin eine Königin von Frankreich!»
«Ihr Sohn ist der König», verbesserte er unbedacht und eigentlich nur darum, weil er sich der Erzählung seiner Mutter Jeanne erinnerte von dem König, der blutete. Auch die beiden noch lebenden Brüder Karls des Neunten waren bestimmt, dieselbe Krankheit zu bekommen, und der älteste war ihr schon erlegen. ‹Wer ist eigentlich›, denkt Henri, ‹diese einzelne alte Frau, der die Söhne fortsterben? Die anderen Franzosen bleiben ihr in Wirklichkeit so fern, wie wir Protestanten ihr sind.› Laut sagte er: «Madame, was für ein schönes Schloß ist doch der Louvre! Aber alles, was ihm Glanz verleiht, kommt aus Ihrer Heimat. Die Architektur ist italienisch» — wie das Giftmischen, hätte er gern hinzugesetzt. Sie hob die Schultern, denn von den beiden Künsten, die er meinte, war ihr die erste fremd. Auch liebte sie keineswegs ihr einstiges Florenz, denn in der Jugend hatte sie dort Unglück gehabt und war vertrieben worden. Madame Catherine stellte nichts vor als eben sich selbst, und das war ihre Kraft, solange sie aushielt.
Jetzt betrachtete sie den jungen Menschen mißtrauisch. «Sie sprechen vom König. Haben Sie ihn denn vor mir schon gesehen?»
Er verneinte lebhaft. Sie senkte noch mehr die Stimme: dies sollten nicht einmal die Schweizer Wachen hören, obwohl sie es nicht verstanden hätten. «Der König ist manchmal nicht bei sich», flüsterte die abgründige Alte. «Ich sage es niemandem, aber er hat Wutanfälle, dann faselt er sogar vom Morden, von irgendeinem großen Morden. Es ist krankhaft», raunte sie dringlich.
Henri stellte nur fest, daß er in eine hübsche Familie einträte, aber das war nichts Neues. Die Mutter der blutenden Söhne beruhigte sich schon wieder. «Meine anderen beiden sind wohlgeraten, besonders d’Anjou. Seien Sie sein Freund, liebes Kind! Vor allem halten Sie es immer mit uns gegen die Lothringer! Sie sollen auch unser Heer führen, denn das können Sie, und Sie werden nicht weniger brauchbar sein, als Ihr Vater es war. Dafür bekommen Sie meine Tochter. Hüten Sie sich aber auch bei ihr vor dem Herzog von Guise: die Frauen finden ihn schön.»
Henri denkt: ‹Und sie schlafen mit ihm. Machen Sie keine Flausen, Madame! Wir kennen uns, und ich weiß, was für ein Mädchen ich zur Frau nehme. Nur meine liebe Mutter wußte es nicht!› So versicherte ihm sein zärtliches Herz.