Herausfordernd sagte er: «Darum haben Sie den Guise auch fortgeschickt, Madame, bevor ich hier ankam.»
Die Alte, um so gemächlicher: «Zu Ihrer Hochzeit wird er wieder da sein. Es ist manchmal wünschenswert, daß ein junges Mädchen einen allzu beliebten Mann nicht vor Augen hat. Eine alte Frau wie ich muß ihn dagegen ständig beaufsichtigen. Alle meine Feinde will ich im Louvre schön beisammenhalten.» Dazu gehörte er selbst, wie nicht zu verkennen war.
Ihre Deutlichkeit hätte ihn beleidigen können, trotz seiner eigenen frühzeitigen Zweifel an der Menschennatur. Bei ihr wurde das Leben denn doch zu nackt. Andererseits überwog das Gefühl des Vertrauens, das ihn langsam ergriffen hatte im Laufe ihrer Reden. Bringt man ihm ein so schmeichelhaftes Vertrauen entgegen, endlich einmal wird ein Achtzehnjähriger es nicht mehr fortweisen können. ‹Von dieser berühmten Hexe habe wenigstens ich selbst nichts zu fürchten, und auch meiner lieben Mutter hat sie es nicht im Wasser gegeben!› In diesem Augenblick würde er das Glas auf einen Zug geleert haben, wenn auf dem Tisch eins gestanden hätte.
Statt dessen gab Madame Catherine ein Zeichen, sogleich stießen die Wachen die äußere Tür auf, und auf die Schwelle traten die beiden Edelleute, die Henri hergebracht hatten. Leicht erstaunt nahm er Abschied und ließ sich zurückführen.
Ein schlechtes Gewissen
Diesmal sprach er mit seinen Begleitern. Einer war der Erste Edelmann des Königs, de Miossens, ein überaus vorsichtiger Mann, er verriet nicht einmal, daß er Protestant war. Henri sagte es ihm auf den Kopf zu, er hatte gewisse untrügliche Zeichen, an denen er die von der Religion erkannte. Er fragte lachend: «Fürchten Sie sich vor den Parisern? Das Volk mag uns hier wohl nicht?»
«Wenn es nur das Volk wäre», antwortete Herr de Miossens rätselhaft.
«Schämen Sie sich! Sie, ein Erster Edelmann des Königs, sollten stolzer sein.»
Damit ließ er die beiden Herren stehen und machte große Schritte, denn dort hinten in einem schöngepflegten Garten bemerkte er Karl den Neunten selbst, er war allein und belustigte sich mit einer Meute von Hunden, die kläfften. Von weitem rief Henri ihn an. Da er nicht gehört wurde, fiel ihm etwas anderes auf: er befand sich unterhalb des Zimmers, aus dem er kam. Dies war die besonnte Front in all ihrem unglaubwürdigen Zauber, eine Versuchung des Bösen, wenn man so wollte, aber ein Blendwerk der Sinne jedenfalls. Hierauf folgte unvermittelt die Erkenntnis, daß Madame Catherine ihn eigentlich gar zu sehr im rechten Augenblick entlassen hatte: als er endlich überzeugt war, sie hätte seine Mutter nicht vergiftet. Pünktlich, als er ihr glaubte, hatte sie ihn entlassen. Sie durchschaute ihn unheimlich, er aber hatte vergebens versucht, hinter ihre undurchsichtigen Augen zu gelangen. Da erschrak er: wieder lebendig wurde ihm sein eigener erster Zustand, als er droben das Zimmer betreten hatte — ein Richter und Rächer. «Mörderin!» Er hatte das Wort zurückgehalten, zweimal, und nicht nur aus Vorsicht wie ein Höfling, sondern weil die Alte ihn wirklich vertrauensvoll und dumm gemacht hatte. Jugend taugt nichts für solche Fälle, mich jedenfalls hat sie zur Ohnmacht verurteilt!
Hier suchte er schnell das bekannte Fenster. Doch, er hatte vorher recht gesehen. Das Gesicht war schon wieder ausgelöscht, bevor er es richtig erfassen konnte; dennoch fühlte er unzweifelhaft, daß er beobachtet worden war. Man behielt ihn im Auge, ob sein kindliches Vertrauen noch währte. ‹Nicht ganz, Madame Catherine! Ich weiß nicht alles, und nicht einmal wie die Königin, meine Mutter, gestorben ist, weiß ich gewiß. Aber ich will niemals wieder vergessen, daß Sie von den beiden Wissenschaften Ihrer Landsleute, Gift und schöne Bauten, nur die eine beherrschen. Böse Fee, wenn überhaupt Fee. Ich soll bei euch das Fürchten lernen, aber ich muß lachen. Von ihrem dicken Sohn hat sie mir gesagt, er wäre toll.›