«Aber Sie haben Gründe zu vermuten? Einen Anhalt?»
«Nein! Nein!» Der Ton beschwor ihn, zu schweigen. Das half ihr nichts.
«Wir sollen uns heiraten. Begreifen Sie, warum ich Ihr schönes Gesicht nicht küsse und Ihnen den Rock nicht aufhebe? Sie haben vor mir ein Geheimnis, das ist stärker als alles.»
Das Mädchen stöhnte nur. Er ließ nicht ab.
«Meine Leidenschaft für Sie war nie vorher, was sie heute ist. Ich werde nur noch eine lieben können!» rief er und glaubte es. «Margot! Margot! Sie sind vielleicht die Tochter der Frau, die meine Mutter getötet hat.»
Stille und tiefes Erschrecken beim Nachklang dieser Worte. Zuletzt schluchzte das Mädchen auf. Sie hatte begriffen, welchen neuen, furchtbaren Wert sie für den Sohn der armen Königin Jeanne bekommen hatte. Sie war zu einer Gott weiß wie verhängnisvollen Gestalt geworden, die Ausgeburt der Tragödie, während sie doch vor sich selbst ein ziemlich gutmütiges Mädchen war. Konnte ihren Begierden nicht widerstehen, bekam wohl einmal Prügel dafür. Wußte es gar nicht anders, als daß Menschen getötet wurden an diesem Hof und daß jeder, der ihre Mutter störte, aus dem Wege mußte. Sie selbst lebte unbefangen dazwischen, und öfters verliebte sie sich, während nebenan Morde geschahen.
«Sie sind vielleicht die Tochter der Frau», wiederholte er, nur für sich, für das Grauen in seinem Innern, das ihn warnte vor dieser ausbrechenden Leidenschaft.
«Vielleicht», sagte sie darauf selbst, in einem möglichst unbestimmten Ton. In Wahrheit war sie, auch ohne Beweise, völlig überzeugt, daß diese Tat geschehen wäre so gut wie alle anderen. Seine Zweifel teilte sie nicht — und darum tat er ihr leid, noch mehr leid, als wenn er Sicherheit gehabt und ihr ins Gesicht seine Anklage geschleudert hätte. Er war wehrlos, er hatte sanfte Augen, seine Mutter war ihm getötet worden von ihrer eigenen, und er stand im Begriff, es ihretwegen zu vergessen. Dies alles, aber besonders seine Unschuld, griffen ihr ans Herz, es schlug heftig, und sie wartete, daß er endlich Ernst machte und sich über sie warf.
Er stand auch wirklich auf dem Sprung, die Arme halb erhoben. Im letzten Augenblick schrie er auf vor Schrecken, und sie schrie mit, nur weil sein Gefühl mittlerweile ganz das ihre war. Gesehen hatte sie noch längst nicht, was er sah. Sein Blick war zufällig abgeirrt in eins der gründämmernden Verstecke; daraus schien ihm eine Gestalt hervor und zwischen sie beide treten zu wollen. Der Achtzehnjährige verlor den Kopf und rief: «Mama!»
Er erfuhr nie, wie lange die Täuschung gewährt hatte. Aber auf einmal trug er Margot, ihre begehrte und hingegebene Last, auf seiner Brust, sie selbst hatte sich dagegen geworfen, und sie brachte hervor unter Schluchzen und Lachen: «Dort steht nur ein Spiegel, damit man sich noch mehr verirrt in diesen Gängen, und du hast niemand kommen gesehn als nur mich, deine Margot. Jetzt bin ich da, denn jetzt liebe ich dich!»