„Wer sagte dir’s!“

„Die Mutter.“

Erstaunt und noch halb träumend schaute Friedel das Englein im geflickten Zwillichröckchen an, das so zuversichtlich große Worte sprach. Aber ach, als der Bann des Schlafes sich allmählich löste, ward es ihm klar, daß er ja nun ganz, ganz allein sei auf der Welt. Den Großvater hatte man im wilden Walde begraben, die Freunde und Glaubensgenossen waren weit fortgezogen; er aber in der Gewalt der märchenhaften Gestalten, die er am Abend zuvor gesehen, hilflos zurückgeblieben. Da machte sich sein starkes, feuriges Gemüt in wildem Schmerze Luft.

„Großvater! O Großvater!“ schrie er händeringend. „Nimm mich mit in den Himmel! O, HErr JEsu, komm doch gleich jetzt zum Jüngsten Tag und weck’ mir den Großvater! Sonst will ich auch sterben, jetzt gleich! O, ich kann, ich kann nicht leben so ganz allein!“ Heiße Tränen stürzten dabei über seine Wangen.

Tief erschrocken stand das Mägdlein dabei und wagte nicht so großen Jammer zu stören. Endlich faßte sich’s ein Herz, legte die kleine Hand auf die Stirn des Gastes und sprach leise:

„Ich hab’ dich schon lieb; da bist du nicht ganz allein. Und Mütterle hat gesagt, ich soll dich nicht weinen lassen. Du sollst essen, wenn du aufgewacht bist.“

Das Händchen war so weich und warm, die Stimme so sanft und das Wort „essen“ brachte ihn plötzlich auf andere Gedanken. Er fühlte ja einen nagenden Hunger, hatte seit gestern mittag nichts mehr genossen. Halb widerwillig trocknete er seine Tränen und schaute zu, wie das Kind vorsichtig ein dampfendes Schüsselchen vom Herd nahm und auf den Tisch stellte, einen Löffel und ein großes Stück Brot dazulegte und ihm freundlich winkte. Er folgte, und die Natur behauptete ihr Recht; es schmeckte köstlich! Dienstfertig brockte Ännchen das Brot in die fette Ziegenmilch und sah befriedigt zu. Als die Schüssel leer war, hielt der Gast Umschau in dem niedrigen, aber geräumigen Gemach. Es sah ganz ähnlich drin aus wie daheim im Hüttli: der schwarze Rauchfang überm Herd, die Bank längs der Wand, ein paar Schemel, zwei buntbemalte Truhen, schlichtes Hausgerät auf Wandbrettern. In der besten Ecke hing ein kleines Kruzifix; ein abgegriffenes Büchlein lag darunter, dicht davor stand ein schmuckes Spinnrad.

„Das ist Mutters Winkel“, erklärte Ännchen; „sie lehrt mich auch beten, lesen und spinnen.“

„Aber das?“ fragte Friedel, auf ein prächtiges Hirschgeweih zeigend, das über der Tür befestigt war.

Da legte Ännchen den Finger auf den Mund und warnte: „Frag’ nicht danach! Es gehört dem Vater. Was Vater hat und tut, davon spricht man nicht.“