„Ist der Riese dein Vater oder der Zwerg?“
„So heißt es nicht! Der große Mann ist mein Vater; der kleine ist Tobias, der Mühlknecht. Ich habe ihn sehr lieb.“
„Er sieht häßlich aus“, bemerkte Friedel.
„Das schadet nichts, sagt Mutter, denn sein Herz ist schön. – Wo mag nur Mutterle bleiben? Komm, laß uns ausschauen; sie ist oben in der Kammer.“
In einer Ecke der Stube führte ein schmales steiles Treppchen empor ins winzige Dachkämmerlein. Leise stieg Ännchen hinauf; Friedel folgte und blickte über ihr blondes Köpfchen in den niederen Raum, gefüllt mit allerlei Werkzeug und Hausrat. Auf dem kalten Boden saß eine bleiche blonde, überaus liebliche Frau in dürftigem Zwillichgewand, umgeben von allen den Sachen, die der Großvater im schweren Bündel getragen. Die alte vielgebrauchte Bibel lag in ihrem Schoß, und sie war so vertieft ins Lesen, daß sie die Kinder erst gewahrte, als Ännchen die Arme um ihren Hals schlang. Da fuhr sie auf und sah auch den Knaben.
„Du bist wahrlich ein Engel von Gott gesandt“, rief sie, ihn an sich ziehend, „daß du mir ins Haus gebracht hast, wonach mein Herz sich schon lange sehnte! Es ist ja das Buch, das uns den Weg zum Himmel zeigt aus diesem Elend! Als ich’s aufschlug, fand ich gleich so trostreiche Worte, die der Heiland gesprochen. O, wieviel, wieviel werd’ ich noch finden, wenn du bei uns bleibst!“
„Du darfst heute darin lesen, soviel du willst“, sagte Friedel bedächtig, „aber morgen muß ich wandern, immer nach Mitternacht zu bis ins Preußenland, wo mein Pate Rudi und die andern Getreuen hingezogen sind. Alle diese Sachen will ich euch lassen; nur die Bibel steck’ ich noch in mein kleines Bündel. Ich soll sie nicht hergeben, sagte Großvater.“
„Du kannst unmöglich allein wandern, armes Kind!“ erwiderte die Frau. „Du bist viel zu klein und schwach dazu.“
„O nein! Alle nennen mich groß und stark“, entgegnete der Junge, sich streckend.
Lächelnd strich ihm die Frau übers wirre Haar. „Kommt herab“, sprach sie; „es ist hohe Zeit, den Männern das Essen zu kochen. Sie fällen Holz im Walde.“