„Ich mag nicht essen, auch die Männer nicht sehen. Ich bleibe hier bei Großvaters Sachen.“

Sie ließen ihn allein. Traurig ließ er alles durch die Hände gleiten, was ihm daheim so lieb gewesen. Das kleine Ledersäckchen mit Geld und einigen alten Silbermünzen mit seltsamen Gepräge, die ihm der Großvater manchmal gezeigt, suchte er vergebens. Hatten’s wohl die Männer behalten oder dem Toten mit ins Grab gegeben? Nun, er brauchte es nicht; sein Essen würden ihm gute Leute schon umsonst geben! Ach, wenn er nur schon heute wandern könnte! Aber er war noch so müde, so sehr müde von allem, was er erlebt, legte endlich den Kopf auf Großvaters Sonntagsrock und schlief wieder ein.

Gegen Abend weckte ihn Ännchen und führte ihn hinunter in die Stube. Da saßen sie alle ganz zutraulich um den Herd, auf dem ein helles Feuer brannte. Die Frau spann, Tobi flickte seine Jacke, der Riese schnitzte irgendein Gerät aus Holz.

„Nun“, sprach er, „hast du ausgetrauert und ausgeschlafen? Gönn’ dem armen Alten die Ruhe! Die Welt ist bös! Du bleibst bei uns. Wo vier essen, ißt auch der fünfte.“

„O nein! Ich kann nicht bleiben!“ begann der Knabe.

„Du mußt!“ rief der Mann, und warf ihm einen so wilden Blick zu, daß er erschrak und schwieg.

Aber das Wörtlein „muß“ war dem Friedel verhaßt. Nur vom Großvater hatte er’s geduldet. Er fühlte sich stark und gewandt und mochte keinen Zwang leiden. „So gut ich aus dem Kloster floh, entflieh’ ich auch aus der Talmühle“, dachte er, und setzte sich still neben Ännchen auf die Bank im Winkel. Leise plauderte sie ihm vor von verstecktem Spielzeug im Schrein, das die Mutter nur Sonntags herausgebe, von Braten und Kuchen am Christfest, von Blumen und Beeren im Sommer und von einem zahmen Rehlein hinten im Stall. „Bleib’ doch gern bei mir“, bat sie, sich an ihn schmiegend; „dann sind wir Brüderchen und Schwesterchen, wie in den Märlein, die Tobi erzählt.“

Als die Abendsuppe, die im Kessel brodelte, fertig war, setzten sich alle fünf um die große Schüssel und löffelten sie einträchtig aus, aber ganz stille, denn der finstere Blick des Talmüllers hielt sie alle im Bann. Nachher aber, als sie wieder am Feuer saßen, fing er plötzlich an, den Friedel auszufragen, wie es zugegangen bei der Vertreibung der Evangelischen. Zuerst antwortete der Knabe einsilbig und schüchtern, geriet jedoch bald in Erregung und beschrieb die Leiden der Gefangenen und Kranken gar beweglich.

Aber was ging das alles den Talmüller an, der doch gewiß nicht zu ihnen gehörte? Warum blitzten seine schwarzen Augen so zornig? Warum ballte er die nervigen Fäuste wie in ohnmächtiger Wut? Dem Knaben ward unheimlich dabei zumute.

Die Mutter bemerkte es wohl, legte sanft ihre Hand auf des Mannes Schulter und sprach: „Laß es gut sein, Christoph. Gott wird alles richten; wir aber sollen vergeben! Es ist spät; laß uns beten und zu Bett gehen.“