Da standen sie alle auf, falteten die Hände und beteten laut und andächtig das Vaterunser. Was murmelte doch der Talmüller nach der fünften Bitte? Klang es nicht wie: „außer dem Firmian“?

Nun nahm Tobi den Gast an die Hand und führte ihn zur Hintertür hinaus über einen kleinen Hof in die Hütte, wo das Mahlwerk stand. Dort war ein Kämmerlein abgeteilt. Eine Truhe und ein Schemel stand darin, und ein hohes Heulager war aufgeschüttet mit dicker Wolldecke; Friedels Bündel lag daneben.

„Dies ist mein Revier“, sagte der kleine Mann, „und du bist mein Schlafgenoß. Nun noch ein Wort zur Gutenacht. Bleib’ in Frieden hier und folg’ dem Talmüller! ’s wird dein Schaden nicht sein. Goldtreu ist er als Freund, schrecklich als Feind!“

Der Knabe antwortete nicht, und beide streckten sich aufs Lager. Nach einer Weile fragte er leise:

„Wo habt ihr meinen Großvater begraben?“

„Morgen will ich dir’s zeigen. Auf einer Waldlichtung links ab von der Mühle, nach Mitternacht zu. Gute Nacht.“ –

Beim allerersten Morgengrauen des andern Tages öffnete sich leise, ganz leise das Pförtchen des Mahlwerks, und Friedel, sein Bündel auf der Schulter, den Wanderstab in der Hand, schlüpfte heraus, lief über den offenen Grund und verschwand im Walde. Das Glück war ihm günstig; er fand bald die Waldlichtung und den frischaufgeworfenen Grabhügel, mit großen Steinen beschwert, um das Waldgetier am Aufwühlen zu hindern. Er kniete dabei nieder, küßte die kalte, feuchte Erde, bezwang aber tapfer den aufsteigenden Jammer. „Gute Nacht, Großvater“, flüsterte er. „Ich gehe ins Preußenland zum Paten Rudi. Ich will fromm sein; im Himmel komm ich wieder zu dir!“

Unwillig die großen Tränen von den Wangen wischend, erhob er sich und wanderte rüstig weiter durch dichten Wald, immer in nördlicher Richtung. Nach und nach ward es hell, aber der Grund ward rauher. Felsstücke und Gestrüpp hemmten seinen Weg; nur langsam kam er vorwärts. Plötzlich hörte der Wald ganz auf. Er trat heraus, prallte aber gleich erschrocken zurück, denn vor ihm fiel eine steile graue Felswand ab, und tief unten schimmerte im milden Morgenglanz ein See. Zur Rechten stürzte der Mühlbach brausend hinab. Nirgends eine Spur von Weg und Steg; keine andere Möglichkeit als Umkehr! Dazu blies der Novemberwind so stark, daß der Knabe sich an einen Baumstamm halten mußte. Leider fing es an zu schneien. Ach, er fühlte plötzlich, daß er doch nur ein Kind war! Sollte er umkehren? Würden sie ihn nun nicht hart behandeln? Die Frau war engelsgut, das Ännchen hatte er schon lieb, aber vor dem Talmüller fürchtete er sich.

Da legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter. Erschrocken fuhr er auf und sah ihn hinter sich stehen, in Jägerkleidung, die Flinte über der Schulter, einen geschossenen Rehbock auf dem Rücken.

„Törichtes Kind!“ sprach er. „Siehst du nun, daß aus meinem Zauberkreis kein Entrinnen ist? Hier der See, dort steile Felswände; nach Morgen zu die Schlucht, die Wolf, der Hund, streng bewacht. Warum vertraust du mir nicht, da ich doch dein Freund bin? Bleib’ ruhig bei mir, bis du herangewachsen bist; dann magst du wandern, wohin du willst. Ich selbst zeige dir dann den Weg. Deine Freunde sind zwei Tagereisen voraus; du würdest sie nicht mehr erreichen, selbst wenn wir wüßten, welchen Weg sie eingeschlagen haben. Der Winter ist nahe; es gibt noch Wölfe und Bären in den Bergen. Möchtest du einem begegnen?“