Da wagte der Knabe dem seltsamen Manne ins Antlitz zu blicken. Er sah jetzt nicht furchtbar aus; sein Auge blickte freundlich. Er war doch ein schöner Mann, und das Jägerkleid stand ihm gut. Woher kam’s wohl, daß er den Rehbock schießen durfte, was sonst streng verboten war? Aber Ännchens Warnung fiel ihm ein; er schwieg und ließ sich willig zur Mühle zurückführen.
Dort stand die Morgensuppe auf dem Tisch. Niemand erwähnte seine Flucht. Nach dem Essen sprach Tobias: „Ich will heut noch das letzte Mehl zu Tal bringen; morgen möchte der Pfad verschneit sein. Es ist für den Franzl am Stein; das ist nicht weit. Vor Abend bin ich wieder hier. Ich bring’ gleich alles mit, was der Franzl auf dem letzten Markt für uns besorgt hat zur Winternotdurft. Wer weiß, ob ich wieder hinabkann! Ich denke, es gibt bald Schnee.“
Friedel sah aufmerksam zu, wie Tobi einen Esel mit den Säcken belud, ihn vor sich her über den rohgezimmerten Steg trieb, der unterhalb der Mühle über den Bach führte und im Walde verschwand. Der Müller erriet seine Gedanken.
„Gib dich zufrieden; du kannst ihm nicht folgen. Sein Weg führt nicht nach Preußen zu“, sprach er lächelnd.
„So will ich hier bleiben, bis ich groß bin“, rief der Junge plötzlich entschlossen; „das dauert ja nicht mehr lang!“
Ännchen umhüpfte ihn fröhlich; die Mutter küßte ihn auf die Stirn. Der Mann war hinters Haus gegangen, sein Reh abzuziehen.
3. Wie die Kinder aufwuchsen.
Wenn Friedel erwartet hatte, in der Talmühle seltsame, märchenhafte Dinge zu erleben, so hatte er sich sehr getäuscht. Wenigstens jetzt im Winter war der Tageslauf nicht viel anders, als er in des Großvaters Hütte gewesen. O der liebe, liebe Großvater! Wieviel dachte der Knabe an ihn! Wie oft suchte er einen stillen Winkel, um sich auszuweinen! Aber Kindertrauer währt nicht allzulang; das Leben ist noch so neu und frisch, daß es schnell wieder Reiz gewinnt. So fing auch Friedel bald an um sich zu schauen und teilzunehmen an allem, was in der neuen Heimat lebte und webte. Ganz früh stand er mit Tobi auf und half das Vieh versorgen, die schönen Tauben, die unterm Dach ihre Nester und Fluglöcher hatten, die zahlreiche Hühnerschar, die jetzt auf den engen Hof beschränkt war, die schneeweiße Kuh, die zwei munteren Ziegen im Stall und endlich das geduldige Eselein, Tobis Liebling.
Erst wenn diese alle eifrig fraßen, sammelte sich die Familie um den warmen Herd, und die gute Milchsuppe mit großen Brotbrocken schmeckte vortrefflich. Dann gingen die Männer, wenn’s das Wetter erlaubte, hinaus zum Holzfällen, oder sie hatten etwas am Mahlwerk, das jetzt ganz stillstand, zu bessern; auch sägten, hämmerten und hobelten sie in der Scheune, um allerlei nötiges Werkzeug herzustellen. Zuweilen durfte Friedel helfen, meist aber blieb er bei Mutter und Schwesterlein, wie er Frau Marie und Ännchen bald nannte. Die zarte, bleiche Frau ließ es gern geschehen, daß er das Herdfeuer unterhielt, Wasser aus dem Bach herbeischleppte, den Backofen heizte und ihr noch allerlei Dienste tat, an die ihn der Großvater gewöhnt. Sie war sehr still und ernst; wenn sie ihm aber einmal übers lockige Haar strich und ihn einen braven Buben nannte, war’s reicher Lohn für alle Mühe. Setzte sie sich dann ans Spinnrad, so holte auch Friedel seine Bücher herbei; denn er hatte dem Großvater, der vielleicht sein nahes Ende ahnte, heilig versprechen müssen, nichts zu vergessen, was er gelernt, und fleißig in der Bibel zu lesen. Dann legte auch Ännchen ihr steifes Holzpüppchen oder die kleinen Töpfe und Schüsselchen, mit denen sie gespielt, beiseite und buchstabierte mühsam mit Hilfe der Mutter in dem uralten, schmutzigen Gebetbüchlein, das auf dem Wandbrett lag. Es war so abgegriffen, daß man die Buchstaben kaum erkennen konnte, und Friedel behauptete keck, es sei ein schlechtes und dummes Buch, da gleich auf der ersten Seite das Ave-Maria stand, und man ja nur zu Gott und dem Heiland beten dürfe. Er meinte, in seinem Katechismus und Gesangbuch stünden viel bessere Sachen, die wolle er das Ännchen ganz so lehren, wie es ihn der Großvater gelehrt habe. Die Mutter ließ es gern geschehen, und alle die schönen Sprüche und Liederverse, die das kleine Mädchen mühsam buchstabieren und nach und nach auswendig lernen mußte, lernte sie mit und bewahrte sie in einem feinen und guten Herzen.