„Du bist ein glückseliger Bub“, sprach sie oft zum Friedel, „daß du alles so früh gelernt hast. Und wenn dir dein Großvater ein Königreich hinterlassen hätt’, wär’s nur Staub gegen diese Schätze.“

Mutter und Töchterlein lauschten gar andächtig, wenn der kleine Schulmeister aus der Bibel vorlas, in der er, dank des Großvaters Unterricht, schon recht gut Bescheid wußte. Ihm gefielen ja die Geschichten der Patriarchen und der streitbaren, herrlichen Könige des Alten Testaments am besten; Frau Maria aber wollte nur immer von JEsu, dem Sünderheiland, hören, und Friedel sah verwundert zu ihr auf, wenn ihr beim Zuhören die hellen Tränen übers Gesicht liefen.

Nun kam das Weihnachtsfest immer näher, das der Knabe sich gar nicht denken konnte ohne das liebliche Lied: „Vom Himmel hoch, da komm ich her.“ Wie hell hatte er’s mit dem Großvater im lieben Hüttlein gesungen! Nun lehrte er das Ännchen ganz heimlich einige Verse, so oft sie einmal kurze Zeit allein waren; ja, sie schlüpften sogar in den Stall, um sich im Singen zu üben. Wie würden sich die Eltern und Tobi darüber freuen! Indes wurde es kälter; mit der Arbeit im Freien war’s ganz vorbei, und oft war die ganze Familie von früh bis abends auf die Stube beschränkt. Das war eine schlimme Zeit für den Talmüller. In den langen Abenden und dunklen Nächten kam oft ein böser, finsterer Geist über ihn, so daß er stundenlang untätig am Herd sitzen konnte, den Kopf in die Hände gestützt, in trübe Gedanken versunken. Dann wagten die andern kaum ein Wort zu sprechen; man hörte nur das Schnurren der Spinnräder und das Klappern des kleinen Webstuhls, den Tobi in einem Winkel aufgeschlagen hatte. Wenn dann ein tiefer Seufzer nach dem andern sich der Brust des starken Mannes entrang, schlich wohl das Ännchen herbei, streichelte sein gebeugtes Haupt und sprach ihm leise zu. Manchmal half es; er zog es auf den Schoß, liebkoste es unter Tränen und war für den Rest des Abends freundlicher als je. Aber nicht selten blieb alles umsonst, und für den munteren Friedel war die trübe, ängstliche Stimmung schwer zu ertragen. Gern hätte er gewußt, was dem armen Mann fehle; da aber Ännchen nur den Kopf schüttelte und den Finger auf den Mund legte, wenn er danach fragte, blieb’s ihm ein Geheimnis.

Ganz im stillen traf die Frau ihre kleinen Vorbereitungen auf das Christfest. Die Kinder halfen ihr im ganzen Hause Ordnung und Sauberkeit herstellen, und begrüßten mit Jubel die drei großen, dicken Kuchen, die aus dem Backofen gezogen und im oberen Kämmerlein verwahrt wurden. Tobi holte ein schlankes Tannenbäumchen aus dem Walde und überraschte die Kinder durch etliche Sterne und Ringlein von Lebkuchenteig, die er schon im Herbst vom Franzl am Stein mitgebracht, dazu auch bunte Lichtchen.

Am Tage vor dem Christfest war’s zwar kalt draußen, aber schön und klar. Desto trübere Wolken lagen auf der Stirn des Talmüllers. Als er ohne ein Wort zu sprechen die Morgensuppe gegessen hatte, nahm er die Flinte von der Wand und sprach:

„Ich geh’ jetzt und hol’ einen Festbraten.“

„Laß es doch bleiben, Christoph“, bat die Frau. „Ich schlacht’ uns das fette gelbbraune Huhn; das gibt eine prächtige Suppe.“

„Fort will ich!“ rief der Mann heftig. „Weit fort muß ich! Ich muß fühlen, daß ich frei bin!“ Damit war er schon zur Tür hinaus.

„Laßt ihn gewähren, Frau“, bat Tobi; „er hat wohl wieder böse Träume gehabt. Vielleicht läuft er sich’s aus.“

Am frühen Nachmittag kam er wieder, ein Reh auf der Schulter, aber ach! noch mit demselben unsteten, finsteren Blick. Sogleich sah er das Bäumchen, das die Kinder indessen geschmückt, in der Ecke stehen. „Schafft das Ding hinaus! Ich mag kein Licht sehen!“ rief er, streckte sich vor dem Herd auf den Fußboden und schlief fest ein; leise schob ihm die Frau ein Kissen unter den Kopf. Es ward dunkel, und er schlief noch immer, dann und wann im Traum unverständliche Worte murmelnd. Still und traurig saßen die andern in der Ecke; es war ein trübseliger Christabend! Da das Feuer am Niedergehen war, schlich Friedel leise hin, um frisches Holz nachzulegen. Da schlug der Mann die Augen auf, noch ganz vom Traum befangen, und sein Blick fiel auf den Knaben.