„Arnold“, sagte er leise, „bist du es? O, bist du nicht tot, mein Herzblatt, mein Liebling? Wie schön und groß bist du geworden!“
„Ich bin ja der Friedel“, sprach der Knabe verwundert.
Da löste sich der Bann des Traumes; wild fuhr der Mann empor, stieß das Kind von sich und rief:
„Der Fremde wärmt sich an meinem Herd; der Eigene liegt fern im kalten Grund!“ Damit schlug er die Hände vors Gesicht und schluchzte zum Herzbrechen.
Totenstill war’s in der Hütte; auch die Frau weinte. Tobi hatte Ännchen auf den Schoß genommen und flüsterte ihr leise Trost zu. Dem Friedel aber tat das Herz bitter weh. „Ach“, dachte er, „wenn mir der Mann so feind ist, daß er mir das Herdfeuer nicht gönnt, wär’s wohl besser, ich feierte heut Christabend mit dem Großvater droben im Himmel!“
Aber der heiße Tränenstrom hatte des Talmüllers Herz erleichtert. Allmählich ward er ruhig, erhob sich vom Boden, setzte sich auf die Bank, und sein Blick fiel auf die traurige Gruppe im Winkel.
„Ihr armen Leut’“, sprach er mit weicher Stimme, „wie hab’ ich euch den Christabend verdorben! Ach, die Träume, die Träume! Komm her, Bub! Du bist brav; und ich bin dir gut! Setzt euch alle zu mir. Tobi soll ein Märlein erzählen, daß die trüben Gedanken weichen.“
Sonst war Tobi stets dazu bereit; heute aber schien er selbst weich und wehmütig gestimmt, und es wollte nichts Rechtes werden. Da sprach die Mutter, sanft über des Mannes Haupt streichend:
„Ich wüßt’ was Besseres heut zum Christabend. In Friedels Buch ist so schön erzählt, wie das JEsuskindlein geboren ward. Soll er’s nicht einmal vorlesen?“
„Ist mir auch recht“, erwiderte Christoph. „Ein gutes Buch mag’s wohl sein, da ’s der Firmian verboten hat. Vielleicht liest der Bub besser als die Pfaffen; bei ihrem Gemurmel bin ich allweil eingeschlafen.“