Aber jetzt schlief er nicht! Gar laut und deutlich und recht aus Herzensgrund las der Knabe die liebliche Geschichte, die er ja fast auswendig wußte; und als er die Engelsbotschaft sprach, strahlte sein Antlitz, als sei er selbst ein Himmelsbote.
„Das war schön!“ sprach der Talmüller, tief aufatmend. „Da wird’s einem friedlich und hoffnungsvoll ums Herz. Nun holt nur euer Bäumchen und zündet’s an! Es mag das Licht bedeuten, das die armen Hirten umleuchtete, als der Engel kam.“
Freudig gehorchten die Kinder; und als die zwölf Lichtchen brannten, traten sie vor den Vater und begannen ihr Lied zu singen, erst zaghaft, bald lauter und mutiger. Sechs Verse wußte Ännchen; dann sang Friedel allein mit immer heller werdender Stimme, glühenden Wangen und strahlenden Augen. Mit andächtig gefalteten Händen horchten die drei. Als er geendet hatte, blieb alles still; der Talmüller aber zog den Knaben an sich und küßte ihn. Von diesem Abend an hielt er ihn wie einen Sohn.
Nun geschah es oft, daß Friedel am Abend sein Schnitzwerk oder andere Arbeit aus der Hand legen und vorlesen mußte. Der Talmüller hatte das Lesen, das er nie gelernt, bisher für eine unnütze Pfaffenkunst gehalten; jetzt bekam er Achtung davor und staunte den kleinen Jungen an, der so sicher fragte: „Was wollt ihr heute hören? Soll ich ein Wunder lesen, das der Heiland tat, ein Gleichnis, das er erzählte, oder eine Predigt, die er dem Volke hielt?“ Und dann fand er’s bald in dem großen, dicken Buch. Es war erstaunlich!
Allerlei Gespräch knüpfte sich nicht selten an das Lesen. Einmal sagte der Talmüller:
„Jetzt merk’ ich, wie uns die Priester betrogen haben. In diesem Buch, das Gott selbst den Menschen gegeben, wie der Bub sagt, laufen alle kranken, betrübten, elenden Leut’ stracks zum HErrn JEsu, bitten um Hilfe und werden allezeit freundlich erhört. Hat er sie wohl jemals erst zum Petrus oder zum Johannes geschickt, damit die Fürsprach’ täten? Ich denk’ nicht! So will ich mir ein Herz fassen und dreist zum HErrn Christus selber beten. Er kann kein schrecklicher Richter sein, wie uns gelehrt ward.“
„Ich tu’ es schon längst“, sprach die Frau leise. „Als ich einstmals am Verzweifeln war, du weißt schon wann, Christoph, da riet mir’s ein altes Weiblein, dem ich sonst wohl Almosen gegeben. Kein Heiliger hat dazumal mein zerbrochenes Herz geheilt, aber der HErr JEsus hat’s getan.“
Dennoch gefiel dem seltsamen Manne nicht alles, was der Knabe las; manches dünkte ihm zu hart und schwer. Bei den Worten des HErrn: „Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen“, fuhr er aufgeregt empor und rief: „Das kann kein Mensch; das ist zu schwer! Wer mir Böses tut und mir mein ganzes Glück zerstört, den darf ich hassen, ja, ich haß ihn bis zum Tode.“ Wie er so dastand, die Augen blitzend, den Arm erhoben, die Faust geballt, sah er furchtbar aus.
Dennoch faßte sich Friedel ein Herz und sagte schüchtern: „Mein Großvater konnte es aber doch! Er hat all’ Abend für den Firmian gebetet, und mich hat er’s auch gelehrt.“
Da sah ihn der Mann mit seltsam scheuem Blick an, hieß ihn das Buch zumachen, und alle saßen still und gedrückt bis zur Schlafenszeit. Beim Gebet aber sprach Christoph seine bösen Worte nach der fünften Bitte wieder einmal ganz laut und deutlich, so daß die Frau sich weinend abwandte.